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ANWENDUNG – LEHRE

(Letzter Eintrag: 2.Dezember 2022)

KONTEXT

Diese LEHR-Anwendung ist Teil des Themas Anwendungen.

Citizen Science für Nachhaltigkeit

Für die Zeit 26.Oktober 2022 bis 1.Februar 2023 findet eine Lehrveranstaltung im interdisziplinären Studium Generale der Frankfurt University of Applied Sciences (FUAS) statt mit den Dozenten Gerd Doeben-Henisch, Hans-Jürgen Schmitz und Tobias Schmitt. Der Titel lautet ‚Citizen Science für Nachhaltigkeit‘. Fünf interdisziplinäre Teams der Generation Zukunft arbeiten an ausgewählten Themen der Nachhaltigkeit. Dies ist die 6.Auflage der Lehrveranstaltung, die zuvor unter dem Titel ‚Kommunalplanung & Gamification. Labor für mehr Bürgerbeteiligung‘ firmiert hatte. Nach Beendigung der Lehrveranstaltung wird darüber berichtet werden.

Theorie & Didaktik

(Letzte Änderung: 2.Dezember 2022)

Das Modul ‚Citizen Science für Nachhaltigkeit‘ versucht, aktuelle Strömungen der Weltgesellschaft aufzugreifen, und sie für eine Lehrveranstaltung nutzbar zu machen.

Für eine erste Orientierung sind die folgenden Begriffe von zentraler Bedeutung: ‚Nachhaltigkeit‘, ‚Empirische Theorie‘, ‚Nachhaltige Empirische Theorie‘, ‚Spiel‘ sowie ‚Citizen Science‘ (Bürgerwissenschaft).

Nachhaltigkeit

Der Begriff der ‚Nachhaltigkeit‘ hat nicht zuletzt durch eine Serie von Konferenzen der Vereinigten Nationen eine größere Bekanntheit bekommen. Am Beginn dieser Konferenzserie steht der — mittlerweile berühmte — ‚Brundtland Report‘ von 1987.[1] Im Brundtland Report hat eine internationale Kommission unter Leitung der damaligen Ministerpräsidentin Brundtland von Norwegen herausgearbeitet, unter welchen Bedingungen die Menschheit besser erkennen kann, wie eine mögliche zukünftige Welt aussehen müsste, die für alle Menschen lebenswert ist. Ein zentraler Punkt war darin, dass für die Klärung einer ‚Zukunft für alle‘ tatsächlich auch ‚alle Menschen‘ (die Bürger, Citizens) einbezogen werden müssen, da das vielfältige Wissen in der kleinen Schar der ‚institutionellen Experten‘ nicht ausreichend abgebildet wird. Hier ist auch die Wurzel der Bedeutung des Begriffs ‚Diversity‘ (Vielfalt).[2]

Neben der ‚Diversity‘ (Vielfalt) erfordert ein ’nachhaltiges Denken‘ aber auch die Schlüsselkompetenz, auf der Basis des aktuellen Wissens ‚Voraussagen‘ (‚Prognosen‘) generieren zu können, anhand deren die Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt ein Stück weit in die ‚Zukunft‘ ‚voraus denken‘ können. Eine ‚mögliche Zukunft‘ existiert ja nicht als ein ‚Gegenstand‘, sondern nur in ‚unserem Denken‘ als ‚Möglichkeit‘. Denkerische Möglichkeiten sind mehr oder weniger vage, d.h. die ‚voraus gedachte Zukunft‘ muss durch den Gang der Ereignisse ‚bestätigt werden‘. ‚Vorausgesagte’/ ‚prognostizierte’/ ‚erhoffte‘ Zukunft ist daher immer mit einer gewissen ‚Unsicherheit‘ verknüpft.

(Nachhaltige) Empirische Theorie

Wenn man sich die Frage stellt, wie genau man sich das ‚Generieren einer Voraussage‘ vorzustellen hat, dann wird man auf das Konzept der modernen ‚Wissenschaft‘ verwiesen, das historisch in der Entwicklung der ‚empirischen Wissenschaft‘ gründet. Neben der ‚empirischen Wissenschaft‘ selbst, die in Europa grob im 16.Jahrhundert begann, gibt es auch von Anfang an eine philosophische Beschäftigung mit dem Thema, das gegen Ende des 19.Jahrhunderts, Anfang des 20.Jahrhunderts unter der Bezeichnung ‚Wissenschafts-Philosophie‘ bekannt wurde (in Deutschland auch gerne ‚Wissenschaftstheorie‘ genannt).

Von den vielen Namen, die hier zu nennen wären, gilt Karl Popper (1902 – 1994) als einer der populärsten Vertreter, wenngleich er von dem ‚Main Stream‘ in Wissenschaftsphilosophie deutlich abweicht. Besonders interessant ist sein ‚Spätwerk‘.[3],[4]. Einige Analysen zu Popper von Gerd Doeben-Henisch und dem Konzept einer empirischen Theorie finden sich in [5a-e].

Im Kern leistet eine empirische Theorie genau das, was man von ihr erwartet: Wenn eine Gruppe von Experten (Bürgern (Citizens)) in einem bestimmten Zeitraum in einem bestimmten Raumgebiet Beobachtungen (Messungen) vorgenommen haben, dann kann es passieren, dass sie in der Menge der Beobachtungen typische Muster (Beziehungen) identifizieren können, die sich als ‚Veränderungen‘ interpretieren lassen. Wenn solche entdeckten ‚Veränderungs-Muster‘ stabil genug sind, kann man mit diesen ‚Voraussagen’/ ‚Prognosen generieren. Diese Voraussagen müssen nach einem bestimmten transparenten Schema erfolgen. Bis zu einem gewissen Grad kann man solche Veränderungs-Muster dann auch auf die erfolgten Prognosen selbst wieder anwenden. Eine solche wiederholte Anwendung von Veränderungs-Mustern nennt man dann eine ‚Simulation.‘

Im Kontext der Nachhaltigkeit ist solch eine empirische Theorie von unschätzbarem Wert, befähigt sie doch die Bürger, zumindest eine dunkle Ahnung von der herannahenden Zukunft zu gewinnen. Allerdings, was eine empirische Theorie nicht leisten kann: sie sagt den Bürgern nicht, welche der vielen erkennbaren Möglichkeiten nun ‚erstrebenswert‘ ist und welche nicht. An dieser Stelle sind die Bürger herausgefordert, miteinander zu klären, welche der erkennbaren prognostizierten möglichen Zukünfte für sie ‚erstrebenswert‘ sind.[6]

Diese Kombination von ‚empirischer Theorie‘ und zusätzlicher Qualifikation von ‚erstrebenswerten Prognosen‘ soll hier ‚Nachhaltige Empirische Theorie‘ genannt werden.

Spiel(en) als Modell einer nachhaltigen Empirischen Theorie

Wer den Überlegungen zu ‚Nachhaltigkeit‘ und ‚Empirischer Theorie‘ soweit gefolgt ist, und wer jemals in seinem Leben ‚gespielt‘ hat, der wird sofort verstehen, dass ‚ein Spiel spielen‘ nichts anderes ist, als eine ’nachhaltige empirische Theorie‘ beispielhaft zu praktizieren. Dies sei hier kurz verdeutlicht.

  1. Als Ausgangslage (IST-Situation) dienen einer empirischen Theorie empirische Daten aus einem empirischen Szenario. Im Fall eines Spiels kann dies auch ein reales Szenario sein (Übungsplatz, Fußballplatz,…), es kann aber auch ein ‚Spielbrett‘ mit ‚Spielmaterial‘ sein, oder eine Menge von Karten, oder …
  2. Als Veränderungsregel dienen in einer empirischen Theorie ‚Gesetze‚, die sprachliche Beschreibungen von Formen von Veränderungen darstellen, die bei der Erforschung von realen Szenarien gefunden wurden. Im Spiel sind dies die Spielregeln, die festlegen, wie man eine vorgegebene Spielsituation verändern darf.
  3. Die ‚Anwendung von Gesetzen‘ im Rahmen einer empirischen Theorie wird durch spezielle ‚Anwendungsvorschriften geregelt, zu der auch ein ‚logisches Folgerungsverfahren‚ gehört. Im Rahmen eines Spiels wird die Anwendung der Spielregeln im Spiel in einer Spielanleitunggeregelt. Diese legt fest, wann man welche Regel wie anwenden darf, um eine aktuelle Spielsituation verändern zu dürfen.
  4. Während im Fall einer empirischen Theorie der ‚zeitliche Ablauf‘ durch die ‚empirische Realität‘ selbst geregelt ist (die empirische Welt verändert sich unabhängig von der Theorie von alleine), muss im Fall eines Spiels ein zeitlicher Ablauf künstlich hergestellt werden. Normalerweise geschieht dies durch Spielrunden, in denen alle beteiligten Akteure (die Spieler) durch Befolgung der Spielregeln im Sinne der Spielanleitung geordnet handeln. Aufgrund der Anwendung der Spielregeln wird eine neue Anordnung von Spielmaterial auf dem Spielbrett erzeugt. Dadurch entsteht eine ‚Folge von aufeinander folgenden Spielsituationen, die den Spielverlauf verkörpern. Ein Spielverlauf entspricht im Kontext einer Theorie einer Simulation (= eine wiederholte Anwendung der Gesetze).
  5. Während in einer normalen empirischen Theorie nur ‚mögliche Prognosen‘ generiert werden können ohne ‚Bewertungen‘, können Bürger mit Hilfe von möglichen Prognosen versuchen, diese zu bewerten im Sinne von ‚eher vermeiden‘ oder ‚eher anstreben‘. In dem Moment, wo Bürger eine solche ‚Klassifikation‘ von ‚möglichen prognostizierten Zukünften‘ vornehmen, versuchen sie, sich für ein nachhaltiges Verhalten zu entscheiden. In einem ‚Spiel‘ liegt genau das vor: Neben Startsituation, Spielregeln und Spielanleitung sind bestimmte ‚mögliche Zukünfte‘ als ‚Gewinnsituation‘ ausgezeichnet. Insofern eignet sich das Spielformat hervorragend zur Simulation von Nachhaltigkeitskonzepten.

Citizen Science (Bürgerwissenschaft)

Bleibt noch kurz zu erläutern, warum der Begriff ‚Citizen Science (Bürgerwissenschaft)‘ in diesem Kontext benutzt wird. Wie schon die Erläuterungen zum Begriff ‚Nachhaltigkeit‘ anklingen lassen, ist Nachhaltigkeit nur einlösbar, wenn ‚alle‘ Bürger mit ihren Erfahrungen und Wünschen beteiligt werden. Diese Beteiligung muss zusätzlich verknüpft sein mit der Anforderung, aus dem Wissen der Gegenwart ‚begründete Prognosen‘ ‚generieren zu können‘. Dies führt zum Konzept der empirischen Wissenschaft, das um die Dimension ‚Bewertung‘ ergänzt wird. Diese Kombination legt nahe, den Begriff der ‚Bürgerwissenschaft (Citizen Science)‘ neu zu prägen.

Von diesem umfassenden Konzept einer modernen Bürgerwissenschaft muss man jenes Konzept von Citizen Science abgrenzen, in dem die etablierten wissenschaftlichen Disziplinen sich der ‚Bürger‘ bedienen, um ihre Daten besser sammeln zu können.[7],[8]

Anwendung in einem Semesterkonzept

Es fragt sich, wie sich die zuvor eingeführten Konzepte ‚Nachhaltigkeit‘, ‚Empirische Theorie‘, ‚Nachhaltige Empirische Theorie‘, ‚Spiel‘ sowie ‚Citizen Science‘ (Bürgerwissenschaft) im Rahmen eines interdisziplinären Semesterprojekts praktisch nutzen lassen.

Möglicher Semesteraufbau

Ein Semesteraufbau kann etwa wie folgt aussehen (Angenommen werden 8 Sitzungen mit jeweils zwei Doppelstunden):

  1. Bekanntwerden mit einem Thema (Sitzung 1-2)
  2. Vertraut werden mit dem Konzept ‚Theorie im Spielformat(Sitzung 3)
  3. Anwendung des Konzepts Spiel auf das eigene Thema (Sitzung 4-6)
  4. Testen des eigenen Spielentwurfs mit Hilfe anderer Teams (Sitzung 7)
  5. Bericht von den Ergebnissen mit Dokumentation des Spiels (Sitzung 8)

Überlegungen für eine mögliche Ausführung

In einem Kurs zur Nachhaltigkeit, in dem Teams lernen sollen, wie sie gemeinsam ein Thema nachhaltig angehen können, kommt es nicht darauf an, einen umfassenden Wissensstand zu entwickeln — was aufgrund der begrenzten Ressource Zeit praktisch nicht möglich ist — , sondern zu üben, wie ein Thema im Sinne der Nachhaltigkeit für einen nachhaltigen Handlungsprozess ‚aufgearbeitet‘ werden kann.

Dazu muss man sich klar machen, dass für ein nachhaltiges Verhalten folgende Schlüsselaufgaben gelöst werden müssen:

  1. Das Team muss sich einigen, in welchem räumlichen Bereich (Global, Kontinental, …) und für welchen Zeitraum es das vorgegebene Thema bearbeiten möchte.
  2. Das Team muss sich einigen, welche Ausgangslage (Startsituation) es für seine Analyse annehmen will.
  3. Das Team, muss sich einigen, welche Zielsituation es am Ende der gesetzten Zeitspanne ansetzen möchte.
  4. Das Team muss sich einigen, welche Art von Veränderungen es für seine Analyse akzeptiert.
  5. Das Team muss plausibel machen können, wie die angenommenen Veränderungen die Ausgangslage schrittweise in die Zielsituation überführt/ transformiert.

…. und Umsetzung in ein Spiel

Für die Umsetzung von aktuellem Wissen in ein Spiel empfiehlt sich dann ein inkrementelles Ausarbeiten. Man beginnt mit einem möglichst einfachen Szenario, das alle Elemente enthält: Ausgangslage, Spielregeln, Spielanleitung und ‚Gewinnkriterien‘ (= Ziel). Dann probiert man aus, wie diese Version Nr.0 funktioniert. Wenn man dann noch Zeit ‚übrig‘ hat und über weitere Informationen zum Thema verfügt, kann man diese erste Version Nr.0 erweitern zu Version 1. Und dies immer weiter, bis die verfügbare Zeit aufgebraucht ist.

Für potentielle ‚Spieler‘ des Spiels spielt es natürlich auch eine Rolle, ob das Spiel irgendwie ‚Spaß‘ macht, über ein Minimum an ‚Spannung‘ verfügt, und — natürlich — auch die Besonderheit des Themas erkenne lässt; letzteres verkörpert den Aspekt des Lernens.

und Testen

Für ein entwickelndes Team ist es wichtig, ein Feedback von ‚Anwendern‘ (Bürgern) zu bekommen. Im Idealfall schafft ein Team bis zur Sitzung 7 die Erstellung eines ersten spielbaren Prototyps ihres Spiels. Dann kann das Entwicklerteam sein Spiel von den anderen Teams testen lassen. Reicht die Zeit nicht aus, dann sollte mindestens ein ausgearbeitetes Konzept vorliegen, anhand dessen man abschätzen kann, wie das Spiel funktionieren würde. Dann würden die anderen Teams dieses Konzept bewerten. Mit solch einer qualifizierten Rückmeldung von ‚Anwendern‘ kann das Entwicklerteam sein Konzept/ sein Spiele-Prototyp weiter verbessern.

… Form einer Prüfung

In der Prüfung kann das Entwicklerteam sein Spielkonzept vorstellen und über die bisherigen Erfahrungen berichten. Je nach Anforderungen seitens einer Prüfungsordnung für angemessene Leistungsnachweise sind diese bei der Ausgestaltung des Semesters und der Prüfung zu berücksichtigen.

Kommentare

[1] UN. Secretary-General;World Commission on Environment and Development, 1987, Report of the World Commission on Environment and Development : note / by the Secretary-General., https://digitallibrary.un.org/record/139811 (accessed: July 20, 2022) (In einem besser lesbaren Format:  https://sustainabledevelopment.un.org/content/documents/5987our-common-future.pdf) Anmerkung: Gro Harlem Brundtland (ehemalige Ministerpräsidentin von Norwegen) war die Koordinatorin von diesem Report.(Dieser Text enthält die grundlegenden Ideen für alle weiteren UN-Texte)

[2] Der Aspekt ‚Diversity‘ spiel außerdem seit ca. 3.5 Milliarden Jahre eine fundamentaler Rolle bei der Entwicklung des Lebens auf dem Planet Erde.

[3] Karl Popper, „A World of Propensities“,(1988) sowie „Towards an Evolutionary Theory of Knowledge“, (1989) in: Karl Popper, „A World of Propensities“, Thoemmes Press, Bristol, (1990, repr. 1995)

[4] Karl Popper, „All Life is Problem Solving“, Artikel, ursprünglich ein Vortrag 1991 auf Deutsch, erstmalig publiziert in dem Buch (auf Deutsch) „Alles Leben ist Problemlösen“ (1994), dann in dem Buch (auf Englisch) „All Life is Problem Solving“, 1999, Routledge, Taylor & Francis Group, London – New York

[5a] Gerd Doeben-Henisch, „WISSENSCHAFT IM ALLTAG. Popper 1988/1990“, Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 21.Februar 2022, URL: https://www.cognitiveagent.org/2022/02/16/wissenschaft-im-alltag-popper-1988-1990/

[5b] Gerd Doeben-Henisch, „WISSENSCHAFT IM ALLTAG. Popper 1989/1990“, Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 21.Februar 2022, URL: https://www.cognitiveagent.org/2022/02/19/wissenschaft-im-alltag-popper-1989-1990/

[5c] Gerd Doeben-Henisch, „WISSENSCHAFT IM ALLTAG. Popper 1991/1994 (1999)“, Journal: Philosophie Jetzt – Menschenbild, ISSN 2365-5062, 21.Februar 2022, URL: https://www.cognitiveagent.org/2022/02/21/wissenschaft-im-alltag-popper-1991-1994-1999/

[5d] Gerd Doeben-Henisch, „POPPER – Objective Knowledge (1971). Summary, Comments, how to develope further“, eJournal: uffmm.org, ISSN 2567-6458, 07.March 22 – 12.March 2022, https://www.uffmm.org/2022/03/09/popper-objective-knowledge-1971-summary-comments-how-to-develope-further/

[5e] Gerd Doeben-Henisch, „POPPER and EMPIRICAL THEORY. A conceptual Experiment“, URL: eJournal: uffmm.org, ISSN 2567-6458, 12.March 22 – 16.March 2022, URL: https://www.uffmm.org/2022/03/12/popper-and-empirical-theory-a-conceptual-experiment/

[6] Im Jahr 2022 gilt es z.B. als erstrebenswert, die allgemeine Erhöhung der Erderwärmung unter 1.5 oC zu halten, oder die Biodiversität zu schützen, oder …

[7] Aya H.Kimura and Abby Kinchy (2016), Citizen Science: Probing the Virtues and Contexts of Participatory Research. In: Engaging Science, Technology, and Society 2 (2016), 331-361, DOI:10.17351/ests2016.099 (Den Hinweis auf diesen Artikel bekam ich von Athene Sorokowski)

[8] Warren Weaver, Science and the Citizens, Bulletin of the Atomic Scientists, 1957, Vol 13, pp.361-365. (Den Hinweis auf diesen Artikel bekam ich von Philipp Westermeier) Warren Weaver — einer der führenden Wissenschaftspromotoren in den USA der 50iger Jahre — hat darauf aufmerksam gemacht, dass die Ursprünge der modernen Wissenschaft in einer quasi ‚Bürgerbewegung‘ im England des 16.Jahrhunderts zu finden sind. Die Aktivitäten dieser Bürgerbewegung führte dann zur späteren ‚Royal Society‘, gegründet 1660 in London; mittlerweile ist diese die älteste wissenschaftliche Gesellschaft der Welt. Weaver macht weiterhin darauf aufmerksam, dass wir in der Gegenwart eine ‚Entfremdung‘ zwischen den sich immer mehr vereinzelnden wissenschaftlichen Disziplinen (man spricht sogar schon von ‚Wissenschafts-Silos‘) und den Bürgern einer Gesellschaft feststellen kann. Eine lebendige Demokratie braucht aber eine lebendige interaktive Beziehung zwischen den Bürgern und der Wissenschaft. Dies erfordert neue Kommunikations- und Wissensformen.

Anwendung – Weltmodell: Weltmodell Idee

(Letzte Änderung: 6.Okt 2022)

KONTEXT

Diese Weltmodell-Anwendung mit Schwerpunkt ‚Weltmodell Idee‘ ist Teil des Themas Weltmodell-Anwendungen.

Weltmodell

Was ist ein Weltmodell?

In diesem Text wird unter einem Weltmodell eine sprachliche Beschreibung unserer Welt verstanden, in der alle die Faktoren vorkommen, von denen die Beteiligten glauben, dass sie ‚wichtig‘ sind. Dazu gehört, dass auch die wechselseitigen Beeinflussungen benannt werden und dass es einen Weg gibt, die zeitliche Entwicklung aller Faktoren sichtbar zu machen. Idealerweise sind die wichtigen Faktoren quantifiziert. Es muss ferner klar sein, unter welchen transparenten Bedingungen ein Modell überprüfbar getestet werden kann.

Welches Modell wird genommen?

Die Menge möglicher Modelle ist je nach Betrachtungsposition nahezu beliebig groß. In diesem Text soll versucht werden, einerseits Anregungen aus dem Modell des Club of Rome von 1972 [2],[4] (was von Forrester ursprünglich entwickelt worden ist, 1971, [1]) zu nehmen, andererseits sollen die Erkenntnisse aus der neueren Evolutionsforschung aufgegriffen werden, die in vielem über die ursprünglichen Club-of-Rome Modelle hinausgehen.[8],[8.1]

Zusätzlich sollen Erkenntnisse der neueren Wissenschaftsphilosophie dahingehend aufgegriffen werden, dass dem ‚Rahmen‘ der Modellerzeugung und Modellanwendung Beachtung geschenkt wird. Dieser erweiterte Anwendungsrahmen hat hier den Namen Bürgerwissenschaft 2.0 und umschließt das explizite Konzept einer ’nachhaltigen empirischen Theorie‘ mit angemessener ‚Computerunterstützung‘.[10],[11],[12]

Mit Blick auf den Bereich Bildung (Schulen, Universitäten, Weiterbildung …) sollte auch dem Aspekt ‚spielerisch lernen‘ (gamification) Beachtung geschenkt werden. Komplexe Sachverhalte benötigen ‚Einführungen‘, und die Form des ‚Spiels‘ ist die älteste und intensivste Form des Lernens von komplexen dynamischen Zusammenhängen.[13]

Wie gehen wir vor?

Einerseits wird es eine Gruppe geben, die diese Ideen im INM vorantreibt und entwickelt. Andererseits wird es parallel interdisziplinäre Studierendenteams an der FUAS geben, die von Oktober 2022 bis Februar 2023 mit diesen Ideen experimentieren werden. Die Arbeit der im INM lokalisierten Gruppe wird öffentlich stattfinden und hier auf oksimo.org dokumentiert werden.

Welchen Nutzen kann diese Arbeit haben?

Sofern dieser Prozess kontinuierlich und öffentlich gelebt werden kann, können sich folgende Effekte einstellen:

  1. An Beispielen (von ganz einfach bis beliebig komplex) kann jeder sehen, was ein empirisches Modell ist, das zugleich eine Theorie ist, und wie man damit unser Bild von der Welt verbessern und auch überprüfen kann. Zugleich kann man sehen, wie solche Prozesse bewertet werden können.
  2. Insofern man Beispiele von Modellen hat, kann man diese auch auf konkrete Sachverhalte anwenden. Dabei entdeckt man sehr schnell, dass man bislang eigentlich viel zu wenig brauchbare Daten hat. Die Wasser-Anwendung in diesem Blog zeigt z.B., dass wir in Deutschland bislang ein echtes Probleme mit Daten haben; direkt gesagt: wir haben nicht wirklich brauchbare Daten!
  3. Anhand von Modellen und deren empirische Überprüfung kann man in direkten Kontakt mit anderen Bürgern kommen.

KOMMENTARE

(Die folgende Liste ist ‚dynamisch‘; sie wächst mit dem Fortgang des Projektes. Von vielen hunderten Quellen werden exemplarisch einige ausgewählt, um den Denkprozess anzustoßen)

[1] Jay W. Forrester (1971, 3.ed 1973), World Dynamics, Wright-Allen Press, Inc., 238 Main Street, Cambridge (MA)

[2] Donella H.Meadows, Dennis L.Meadows, Jørgen Randers, William W.Behrens III (1972), the limits to growth. A Report for THE CLUB OF ROME’S Project on the Predicament of Mankind, Universe Books, New York (NY)

[3] William L.Oltmans (1974), „Die Grenzen des Wachstums“. PRO UND CONTRA, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg

[4] Dennis L.Meadows, William W.Behrens III, Donella H.Meadows, Roger F.Nail, Jørgen Randers, Erich K.O.Zahn, (1974), Dynamics of Growth in a finite World, Wright-Allen Press, Inc., 238 Main Street, Cambridge (MA)

[4.1] Cesare Marchetti (vom IIASA, International Institute for Applied Systems Analysis, Laxenburg (bei Wien)) (1984) im Interview mit der UMSCHAU Redaktion, Heft 4, SS.149-150 „Grenzen des Wachstums – noch weit entfernt“

[4.2] Dennis Meadows (1984) im Interview mit der UMSCHAU Redaktion, Heft 4, SS.111-114, „Die Grenzen des Wachstums – 12 Jahre danach“

[5] Donella H.Meadows, Dennis L.Meadows, Jørgen Randers (5.Aufl.1992), Die neuen Grenzen des Wachstums, Deutsche Verlags-Anstalt GmbH, Stuttgart (Original 1992: „Beyond the Limits“)

[6] Gerald O.Barney (from the Council on Environmental Quality and the Department of State) (1981, The Global 2000 Report to the President. Entering the Twenty-First century, Vol1+2, Blue Angel, Inc., Charlottesville (VA)

[7] Donella H.Meadows, Jørgen Randers, Dennis L.Meadows (2004), Limits to Growth. The 30-Year Update, Chelsea Green Pub lishing Company, White River Junction, Vermont

[7.1] Dennis Meadows im Interview mit Markus Becker von der Spiegel-Redaktion (2012), „Für eine globale Mobilmachung ist es zu spät. Das Buch „Die Grenzen des Wachstums“ ist die Bibel der Umweltbewegung: In der Studie warnte Dennis Meadows vor 40 Jahren vor der Ausbeutung der Erde und dem Kollaps der Weltwirtschaft. Im Interview erklärt er, warum er mit seinen düsteren Vorhersagen recht behalten wird.

[8] Matthias Glaubrecht (2019, 2021), Das Ende der Evolution. Der Mensch und die Vernichtung der Arten., Penguin Random House Verlagsgruppe FSC N001967

[8.1] IPBES (2019): Global assessment report on biodiversity and ecosystem services of the Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services. E. S. Brondizio, J. Settele, S. Díaz, and H. T. Ngo (editors). IPBES secretariat, Bonn, Germany. 1148 pages. https://doi.org/10.5281/zenodo.3831673

[9] Thomas Schmoll (6.9.2022), Ein Felsblock zur Rettung der Welt, ntv, https://www.n-tv.de/politik/Globale-Strategien-zur-Rettung-der-Welt-Club-of-Rome-legt-neuen-Bericht-vor-article23561941.html /* Vor 50 Jahren legte der Club of Rome seine epochale Studie über „Die Grenzen des Wachstums“ vor. Sie bildete den Beginn ökologischen Denkens in globalen Zusammenhängen und weit in die Zukunft hinein. Ihr Nachfolger setzt auf Forderungen, die als Utopien erscheinen. */

[10] UN. Secretary-GeneralWorld Commission on Environment and Development, 1987, Report of the World Commission on Environment and Development : note / by the Secretary-General., https://digitallibrary.un.org/record/139811 (accessed: July 20, 2022) (In einem besser lesbaren Format: https://sustainabledevelopment.un.org/content/documents/5987our-common-future.pdf ) Anmerkung: Gro Harlem Brundtland (ehemalige Ministerpräsidentin von Norwegen) war die Koordinatorin von diesem Report.

[11] Aya H.Kimura and Abby Kinchy (2016), Citizen Science: Probing the Virtues and Contexts of Participatory Research, Engaging Science, Technology, and Society 2 (2016), 331-361, DOI:10.17351/ests2016.099

[12] Weitere Informationen zum Konzept einer ’nachhaltigen empirischen Theorie‘ mit angemessener Computerunterstützung (und im Kontext einer Bürgerwissenchaft 2.0) findet sich in der Rubrik ‚oksimo-R Theorie‘

[13] Arabella Wintermayr, 2.Okt. 2022, „Von interaktiven Filmen und narrativen Spielen – Der Kolumne Erster Teil. Film ab.“ Blog „wasted“, Wasted Media GmbH. URL: https://wasted.de/2022/10/spielfilm-die-story-ist-die-seele-eines-videospiels/?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE (Zuletzt: 6.Okt 2022)

ERNÄHRUNG

[1] FOOD and AGRICULTURE ORGANIZATION der Vereinten Nationen, URL: https://www.fao.org/home/en/ , DATEN URL: https://www.fao.org/faostat/en/#data (Zuletzt: 6.Okt 2022);

[2] TAGESSPIEGEL, 5.Sept.2022, Von diesen Ländern hängt die deutsche Lebensmittelversorgung ab Die Invasion der Ukraine hat gezeigt, wie verflochten die globale Versorgungskette ist. Wegen fehlendem Weizen hungern ganze Landstriche. Wo kommt Deutschlands Essen her? Team: Vihang Jumle (Text und Recherche), Tanja Kunesch (Grafiken und Übersetzung), Lennart Tröbs(Design und Grafiken) URL: https://interaktiv.tagesspiegel.de/lab/von-reis-bis-schokolade-von-diesen-laendern-haengt-die-deutsche-lebensmittelversorgung-ab/ (Zuletzt: 6.Okt 2022);