OKSIMO PARADIGMA und DEMOKRATIE – Wie belastbar ist die Demokratie – Vorländer, FAZ, 9.Aug.2021, S.6

UNIVERSELLE PROZESSPLANUNG
10.Aug 2021 – 12.Aug 2021
URL: oksimo.org
Email: info@oksimo.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch (gerd@oksimo.org)

KONTEXT

Dieser Text ist Teil des Themenknotens DEMOKRATIE innerhalb des BEGRIFFLICHEN RAHMENS ZUM OKSIMO PARADIGMA innerhalb des oksimo.org Blogs.

POSITION VON VORLÄNDER

Die Position von Prof. Dr. Hans Vorländer — u.a. Direktor, Zentrum für Verfassungs- und Demokratieforschung an der TU Dresden — soll hier in kurzen Thesen angeleuchtet werden. Daran sollen sich Überlegungen anschließen, die speziell den möglichen Zusammenhang mit dem oksimo Paradigma thematisieren.

Hermeneutik: Wenn eine Person A den Text von anderen Personen liest, dann wird die Person A diesen Text immer (es gibt kein Entkommen) im Lichte ihrer aktuellen Wissensvoraussetzungen lesen. Diese resultieren aus einer individuellen Lerngeschichte und dieses Wissen kann sich kontinuierlich weiter ändern, z.B. schon durch die Lektüre und die aktive Auseinandersetzung mit dem Text. Wer also wissen will, was der Autor (hier Herr Vorländer) selbst geschrieben hat, muss diesen Text selbst lesen. Sollten Sie dies tun, wundern Sie sich bitte nicht, wenn Sie diesen Text ganz anders verstehen sollten wie der Autor in diesem Blog … es gibt nicht zwei Gehirne auf dieser Welt, die ‚gleich‘ sind. Diese Verschiedenheit ist unser Glück; gäbe es sie nicht, würden wir aufgrund von Monotonie in einer sich ständig rasant ändernden Welt alsbald schlicht untergehen …

ARTIKEL VORLÄNDER

(1) Der Grundtenor des Artikels von Hans Vorländer ist — und dies in Übereinstimmung mit dem schwedischen Forschungsinstitut Varieties of Democracies [V-Dem][1] –, dass die liberalen Demokratien unter einem starken Druck stehen, den man sehr wohl als besorgniserregend einstufen kann.

(2) Jenseits der nackten Zahlen, die das V-Dem vorlegt, nach denen es 1990 weltweit nur 41 Staaten gab, die man als liberaler Demokratien bezeichnen könnte, und dass seit 1990 sich diese Zahl auf nur noch 32 reduziert hat — also alle ca. 3 Jahre eine liberale Demokratie weniger –, sind die konkreten Umstände, unter denen heute liberale Demokratien existieren, sehr wohl ein möglicher Weckruf für alle, die mit dem Konzept der liberalen Demokratie wichtige Wertvorstellungen verknüpfen.

(3) Den Unterschied zwischen einer liberalen Demokratie und einer bloßen Wahl-Demokratie sieht Vorländer im Vorhandensein und Funktionieren von Elementen wie z.B. Gewaltenteilung, Unabhängigkeit von Justiz und Medien, Freiheit der Meinungsäußerung, diskriminierungsfreie Umgang mit Minderheiten, Anerkennung soziokultureller Vielfalt, Schutz von Grund- und Menschenrechten, und fairer politischer Wettbewerb.

(4) Aber selbst in den noch liberalen Demokratien geraten diese Elemente — und noch weitere — zunehmend unter Druck und es ist eine offene Frage, wie resilient (widerstandsfähig) liberale Demokratien sind, um diesen Druck zu überstehen.

(5) Mit Blick auf Prof. Przeworski von der New York University [2] stellt er — fast beruhigend — fest, dass sich bislang kein festes Muster erkennen lässt, wann und wie Demokratien sich auflösen und zerfallen; es gibt allerdings viele einzelne Faktoren, deren Funktionsuntüchtigkeit einen möglichen Niedergang begünstigen könnten.

(6) Krisen sind besondere gesellschaftliche Zustände (z.B. Bankenkrise, Finanzkrise, Migrationskrise, Eurokrise, Stabilisierungsmechanismen des Internationalen Währungsfonds, Corona Pandemie, Flutkatastrophen, …), in denen staatliches Handeln gefordert ist und wo es das Vertrauen der Bürger in die demokratischen Institutionen stärken kann. Die Art und Weise der Kommunikation mit den Bürgern spielt dabei eine wichtige Rolle.

(7) Spätestens die Corona-Pandemie hat deutlich gezeigt, dass es viel Missmut und Kritik gegeben hat. Die Tendenz zum Unterlaufen der üblichen demokratischen Verfahren durch Rückgriff auf anonyme Expertenrunden war einer der kritischen Punkte in der aktuellen Corona Pandeemie. Dazu wurden zahlreiche extremistische Strömungen sichtbar, die nicht erst seit Corona existieren, sondern schon viele Jahre Europaweit und in den USA unüberhörbar von sich reden machen. Für solche eher extremistische Gruppierungen, die Demokratien grundsätzlich in Frage stellen, sind Krisen — wie z.B. Corona oder Flutkatastrophen — und die unglückliche Handhabung demokratischer Verfahren eine willkommene Gelegenheit sich in Szene zu setzen.

(8) Doch darf man sich durch die Einmischung radikaler Gruppierungen nicht darüber hinweg täuschen lassen, dass auch normale Bürger berechtigte Sorgen haben, Zweifel hegen, ja sogar wütend sind auf die Art und Weise, wie politische Repräsentanten und Institutionen agieren.

(9) Diese Kritik hat schon seit Jahren zu einer wachsenden Entfremdung zwischen Bürgern und staatlichen Institutionen, ihren Parlamenten, ja sogar zu den Parteien geführt, die doch eigentlich die unmittelbare Verbindung von Bürgern und demokratischen politischen Institutionen ermöglichen sollten. So hat der Parlamentarismus und die politischen Parteien am meisten an Anerkennung und Akzeptanz verloren. Bürger fühlen sich immer weniger durch die Parteien vertreten. Es gibt deutliche Zeichen von Entfremdung in der gefühlten Distanz zwischen Regierenden und Regierten. Viele bislang üblichen sozialen Infrastrukturen zur Vermittlung zwischen Bürger und Politikern sind heute deutlich geschwächt oder ganz weg.

(10) Doch gibt es neben den politischen Parteien nicht Nichts; es gibt das neue Phänomen von ‚Bewegungen‘, die außerhalb der Parteien ihre Interessen zu vertreten suchen. Diese Bewegungen mit oft starken Führungsfiguren deuten einen Wandel der liberalen Demokratien an, wenngleich bislang in konstitutionellen Bahnen. Damit einhergehend meint Vorländer die Tendenz zu einer Hyperpersonalisierung zu erkennen. Vielleicht ist es kein Zufall, dass dieses Phänomen der vielen neuen Bewegungen parallel auftritt zur neuen Allgegenwart des Internets mit all seinen vielfältigen sozialen Medien (Twitter, messenger Dienste, …). Empörungen, Erregungen, und Stimmungen wirken direkter und können schneller und stärker die Meinungen beeinflussen. Diese Meinungen spielen sich außerhalb der Institutionen ab; es fehlen vermittelnde Räume. Am Beispiel des Trumpismus (aber nicht nur da) kann man sehen, wie der direkte Zusammenschluss zwischen populistischen Strömungen und ihrer Führer gesucht wird, um damit die kritisierten demokratischen Institutionen einfach zu umgehen.

GEDANKEN ZUM ARTIKEL

  1. Die obigen Punkte bilden nur einen Ausschnitt aus dem breiten Bild, das Hans Vorländer zeichnet, ein Ausschnitt dessen Auswahl und Zuschnitt auf den Autor dieses Diskurses zurückgeht (siehe den einleitenden Punkt ‚Hermeneutik‘).
  2. Für die weiterführenden Überlegungen soll auch — mit einem Seitenblick — der interessante Beitrag von Wolfgang Schäuble nicht unberücksichtigt bleiben.
  3. Aus der Sicht des oksimo Paradigmas richtet sich der Fokus der Überlegungen auf die Akteure in diesem Feld der liberalen Demokratie, auf jene, die staatliche Institutionen vertreten, politische Gremien, die politischen Parteien, und jene, die allgemein als Bürger gelten, die in diesem Staat leben, z.T. auch wählen dürfen, aber zwischen den Wahlen nahezu keine ’normalen‘ Mitwirkungsmöglichkeiten haben.
  4. In einer liberalen Demokratie ist die staatliche Gewalt an die gewählten Parlamente delegiert, die von unterschiedlichen Institutionen unterstützt werden. Idealerweise sollen die Parlamente die Aufgaben der Gesellschaft mit Blick auf die Zukunft und die unterschiedlichen Lebensverhältnisse im Land erkennen und in möglichst optimaler Weise, speziell auch nachhaltig, zukunftsfähig machen. Jede Gegenwart ist ein Ausschnitt aus der möglichen Zukunft von Gestern. Wurde gestern mit Blick auf die mögliche Zukunft schlecht gehandelt, dann ist die aktuelle Gegenwart das Ergebnis solcher Versäumnisse.
  5. Für die Frage nach einer nachhaltigen Zukunft für eine liberale Demokratie sind daher weniger Einzelereignisse interessant, weniger Ausnahmesituationen, weniger individuelle Skandale, sondern eher der alltägliche Prozess, in dem alle involviert sind, und der geeignet ist, alle Bürger in ihrer Vielfalt auf nachhaltige Weise für eine entsprechend nachhaltige Zukunft vorzubereiten, zu befähigen, und zu begeistern. Womit sich die Frage stellt, wie denn das Format des alltäglichen Prozesses in einer liberalen Demokratie beschaffen sein sollte, damit eine nachhaltige Zukunft zumindest wahrscheinlich sein könnte, wenngleich ohne eine 100%-tige Garantie, dass es auch tatsächlich gelingt.
  6. Hans Vorländer lässt in seinem Beitrag viele Aspekte aufblitzen. Hier möchte ich nur zwei Aspekte herausgreifen, die aus Sicht des oksimo Paradigmas von besonderem Interesse sind: das ist einmal (i) die große Entfremdung der Bürger von den politischen Parteien (und umgekehrt!), und zum anderen (ii) die unübersehbare Entstehung und Erstarkung von außerparlamentarischen Bewegungen aller Art.
  7. Würden die politischen Parteien diese Bewegungen aufgreifen, würden die Parlamente eine neue, intensive Kommunikation mit diesen Bewegungen suchen, dann könnten diese neuen dynamischen Bewegungen möglicherweise zu einer Verlebendigung der bestehenden Parteien und Parlamente führen; vielleicht. Bislang überwiegt aber der Eindruck einer bestehenden und zunehmenden Entfremdung zwischen neuen Bewegungen und etablierten Parteien und Parlamenten. Würde es bei diesen Tendenzen bleiben, wäre ein ernster Konflikt zwischen gegebenen konstitutionellen Formen der Demokratie und einem wachsenden Teil der Bevölkerung vorgezeichnet.
  8. Fragt man sich, woher denn diese wachsende Entfremdung komme, dann gibt es mindestens zwei Faktoren, die sich abzeichnen: (i) Die reale Kommunikation zwischen Bevölkerung und etablierten Parteien und Parlamenten ist real schwach, gestört, und wird aktuell eher schwächer; (ii) Die inhaltlichen Anschauungen der verschiedenen Gruppen divergieren vielfach sehr stark. Dies wird durch die Aufsplitterung der Öffentlichkeit in immer mehr Teilöffentlichkeiten mit jeweils immer weniger innerer Pluralität begünstigt. Es entstehen kognitive Weltbilder weitgehend unabhängig voneinander. Da diese Weltbilder für jede Gruppe eine gruppenspezifische Handlungsbasis bieten, stehen sich zunehmend Weltbilder als Alltagsvorstellungen gegenüber, die immer weniger kompatibel sind; zusätzlich scheinen die ‚Inhaber dieser spezifischen Weltbilder‘ immer weniger fähig und willens zu sein, ihre eigenen Weltbilder irgendwie in Frage zu stellen. Das Ergebnis sind Verteufelungen der anderen, eine immer stärkere Bereitschaft zu Gewaltaktionen, weil man die Fähigkeit verloren hat, über Weltbilder zu reden, so dass man diese im gemeinsamen Diskurs unterschiedlich beleuchtet, anders bewertet, und möglicherweise modifiziert.
  9. Die Erstarrung im Umgang mit kognitiven Bildern der Welt ist eine Form von ‚Systemstörung‘: es ist eine grundlegenden Eigenschaft von biologischen Systemen auf der Erde, dass sie mehr als 3 Mrd.Jahre auf diesem Planeten nur überlebt haben, weil sie extrem anpassungsfähig waren, wandlungsfähig, grundlegend lernfähig. Besonders der homo sapiens verfügt über sehr außerordentliche Fähigkeiten, zu lernen und sich durch Kommunikation mit anderen zu koordinieren. Jedoch gehört es zur Eigenheit hochentwickelter lernender Systeme, dass sie nicht deterministisch sind: sie können, aber sie müssen nicht. Das ist ihr Geheimnis. Wenn sie sich aber ihrem realen Lernen grundsätzlich verweigern durch starres Festhalten an nur wenigen Aspekten ihrer dynamischen Umwelt, dann schreiben sie ihren Untergang fest. In einer dynamischen Welt kann kein statisches System auf Dauer überleben.
  10. Was in dieser Situation hilfreich wäre, das wären neue Formen einer gruppenübergreifenden Kommunikation, die nicht nur die unterschiedlichen Anschauungen sichtbar macht, sondern zusätzlich auch grundlegende Strukturen von Weltbildern.
  11. Das oksimo Paradigma wendet sich generell an Gruppen, und zwar beliebige Gruppen von Menschen (Bürgern). Jeder einzelne gilt als ein Experte; vorab wird kein Unterschied gemacht. Für die Kommunikation ist nur die eigene Sprache notwendig (Deutsch, Englisch, …). Von allen Beteiligten wird erwartet, dass sie in der Lage sind, sich zu einigen, welche Aspekte in einer bestimmten Situation sie als real gegeben annehmen. Ferner wird erwartet, dass sie in der Lage sind, jene Situation in der Zukunft zu beschreiben, die sie aktuell anstreben wollen. Und dann besteht die gemeinsame Kommunikation darin, zu beschreiben, wie man in einzelnen Schritten von der aktuellen Situation zur zukünftigen Situation kommen kann. Man kann diesen Prozess auch so sehen, dass alle zusammen eine Art Drehbuch schreiben mit einzelnen Szenen (Situationen), mit den beteiligten Akteuren und den gewählten Aktionen, die unterschiedliche viel weitere Ressourcen benötigen (Zeit, Geld, Material, Wechselwirkung mit anderen, …). Zusätzlich bietet oksimo die Möglichkeit, das Drehbuch jederzeit auch als Simulation ablaufen zu lassen, oder gar während der Simulation eine aktive Rolle als Spieler zu übernehmen; einfach die bis dahin gegebenen Regeln anwenden oder ad hoc neue Regeln zu generieren, indem man das Drehbuch abändert. Simulation und Spielen bietet eine sehr intensive Form, sich mit den Ideen des Drehbuchs und den anderen auseinander zu setzen. Mit oksimo kann man zusätzlich auch Künstliche Intelligenz [KI] einsetzen. Diese ist aber nur insoweit interessant, als die menschlichen Akteure selbst Ziele und Konzepte haben, denen sie folgen wollen.
  12. In der Theorie könnte eine für alle verfügbare oksimo Umgebung also nicht nur grundlegend zu einer verbesserten Verständigung unter allen Bürgern beitragen (falls diese überhaupt lernen wollen!), es könnte mit der Zeit auch das Wissen um die Welt dramatisch verbessert werden, und zwar für alle, jederzeit, auch für die Politiker. Die heute vielfach zu beobachtenden ‚Sololäufe‘ jenseits einer demokratischen Öffentlichkeit wären dann weder notwendig noch langfristig möglich.

ANMERKUNGEN

[1] Homepage: Varieties of Democracies [V-Dem], https://www.v-dem.net/en/

[2] Adam Przeworski (Professor of Politics, New York University): https://en.wikipedia.org/wiki/Adam_Przeworskihttps://as.nyu.edu/content; Private Webseite: https://as.nyu.edu/content/nyu-as/as/faculty/adam-przeworski.html

DAS OKSIMO PARADIGMA UND KOMMUNEN – Dynamische Wissensformen

UNIVERSELLE PROZESSPLANUNG
19.Juni 2021 – 19.Juni2021
URL: oksimo.org
Email: info@oksimo.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch (gerd@oksimo.org)

KONTEXT

Dieser Text ist Teil des Themenbereichs UNIVERSELLE PROZESSE PLANEN – Aus Sicht der Kommunen im oksimo.org Blog.

Bisher

In vorausgehenden Beiträgen sind Überlegungen angestellt worden, wie sich die Vielfalt einer Kommune in den verfassungsmäßigen politischen Organen widerspiegeln kann. Nach grundsätzlichen Feststellungen zu den kommunalen politischen Strukturen und ihren Bürgern wurden die Möglichkeiten der Bürger, auf die gewählten politischen Vertreter Einfluss zu nehmen, etwas näher betrachtet. Es deutete sich an, dass die politischen Vertreter selbst aufgrund struktureller Gegebenheiten nicht über die Kompetenzen und Möglichkeiten verfügen können, die sie für die Ausübung ihrer Rollen brauchen. Eine befriedigende Kooperation mit den wählenden Bürgern ist aber auch nicht in Sicht. Es wurde dann ansatzweise analysiert, welche helfenden Strukturen es denn bräuchte, damit die Breite des Wissens, der Erfahrungen, und der Ziele, die in den Bürgern präsent sein könnte, so verfügbar sein könnte, dass alle gemeinsam damit denken, bewerten und entscheiden könnten. Es deuteten sich die Umrisse einer Struktur von kooperierenden Bürgergruppen an, die sich über eine gemeinsame Plattform in ihrem Wissen koordinieren können, und die zugleich minimal in den lokalen politischen Parteien verankert sind, so, dass eine aktive Kommunikation zwischen dem allgemeinen, überparteilichen Bürgerdiskurs einerseits und dem lokalen politischen Geschehen andererseits real besteht. Letztlich gibt es nur ein Erfolgsrezept, das auch im Deutschen Parteiengesetz gleich zu Beginn festgehalten wird: Die Bürger brauchen die verfassungsgemäßen politischen Strukturen und diese brauchen möglichst umfassend die Bürger! Eines allein geht nicht!!!

In diesem Text geht es darum, die helfenden Strukturen etwas näher zu analysieren.

DYNAMISCHES WISSEN

Statisches Wissen

In der bisherigen Kulturform wird Wissen vorzugsweise als etwas Statisches angesehen. Typische Formen von statischem Wissen sind Texte als Notizen, Briefe, Emails, Artikel, Bücher, Zeitungen usw., oftmals gesammelt in Enzyklopädien (z.B. Wikipedia) und dann in speziellen Bibliotheken. Dazu gehören aber auch allerlei Artefakte wie Gebäude, Maschinen, Werkzeuge, Kunstwerke usw. die in realisierter Form Erfahrungen, Wissen, Emotionen usw. manifestieren, oder auch in dynamischen Formen wie Tanzen, Theater, Filme usw.

Gehirn als Dauerprozess

Tatsächlich sind alle diese statischen und dynamischen Formen Manifestationen von inneren Prozessen des Gehirns, das sich in ständiger Wechselwirkung mit sich selbst, dem umgebenden Körper und der umgebenden Außenwelt befindet, in der sich andere Körper mit Gehirnen aufhalten. Diese unterschiedlichen Manifestationen des Gehirns verändern sich kontinuierlich in Abhängigkeit vom eigenen Erleben und Lernen, beeinflusst von der Umgebung und hier von anderen Menschen, auf unterschiedliche Weise.

Adaptive Wissensformen

Texte sind Momentaufnahmen eines Gehirnprozesses, fixierte Bilder einer Welt, auch von Abläufen, aber als Text sind diese Momentaufnahmen statisch.

Größere Texte, deren Entstehung viel Zeit braucht (Wochen, Monate, Jahre …) verändern sich während ihrer Entstehung, aber als veröffentlichte Texte sind sie dann doch wieder abgeschlossen, statisch. Die Welt jedoch, die den Autor umgibt, ja, der Autor selbst, verändert sich weiter.

Die Geschicke berühmter Lexika oder Enzyklopädien in zunehmender Konkurrenz zu Wikipedia zeigt, dass ein öffentlicher Text, bei dem viele mitwirken können, auf Dauer an Umfang und Qualität nicht zu schlagen ist.

Die grundlegende Botschaft ist daher die, dass eine dynamische Welt, die aus einer Vielzahl von gleichzeitig ablaufenden Prozessen besteht — die Akteure eingeschlossen –, auch in einer Form repräsentiert werden muss, die es den handelnden Akteuren erlaubt, kontextsensitive Pläne und Handlungen in hinreichender Qualität hervorbringen zu können.

Wenn die Weltbilder in den Köpfen der Handelnden unfertig, unzuverlässig, zu grob, zu falsch usw. sind, dann wird das Handeln zur Glückssache.

Prozessstrukturen

Neben dem Aspekt der Adaptivität von Wissen gibt es aber auch noch den Aspekt des Prozesshaften. Damit ist gemeint, dass es nicht reicht, nur einzelne Ereignisse zu beschreiben oder zu erinnern, sondern auch typische Abfolgen von Zuständen sowohl von solchen, die man beobachtet hat wie auch von solchen, die man sich gedacht hat, quasi als einen virtuellen Prozess, von dem man annimmt, dass er vielleicht zu einem realen Prozess werden könnte.

Für die Gestaltung einer möglichen Zukunft, die als solche unbekannt ist, gibt es aber keine andere Möglichkeit, als von gegebenen Ausgangslagen mittels geeigneter Veränderungsmaßnahmen die jeweiligen Situation so umzugestalten, dass dann — so die Erwartung –, irgendwann in dieser Folge von Umgestaltungen, eine Situation entsteht, die das Bild einer gewünschten Zukunft als wesentlichen Teil enthält.

Prozessorientiertes Beschreiben

BILD: Ein Mensch kann nur im Miteinander mit anderen Menschen voll Mensch sein. In einer lebenden Interaktion verschränken sich die Gehirne der Beteiligten zu einer gemeinsamen Sicht, aus der heraus gemeinsames Handeln entstehen kann. Ob ‚gut‘ oder ’schlecht‘, das entscheidet jeweils nur die Zukunft, die keiner kennt; ‚Zukunft‘ ist kein normales Objekt, das man einfach so wahrnehmen und bearbeiten kann. ‚Zukunft‘ ist eine radikale Unbekannte, die zu gestalten grundsätzlich Unwägbarkeiten und Risiken beinhaltet. Wer ‚Sicherheiten‘ vorgaukelt zeigt gerade damit, dass er den wahren Charakter von Zukunft nicht verstanden hat.

Wie die Erfahrung zeigt — vor allem im Bereich des Projektmanagements — erfordert die Erstellung einer angemessenen Beschreibung eines Prozesses, der menschliche Akteure, ja gesellschaftliche Strukturen als aktive Faktoren umfasst, dass diese Beschreibung selbst in Form eines Prozesses stattfindet, in dem alle diese beteiligten Faktoren in die Erstellung der Beschreibung eingebunden sind. Anders formuliert, die Selbstbeschreibung eines selbstorganisierten (‚autopoietischen‘) Prozesses erfordert sowohl (i) eine Beteiligung aller konstitutiven Elemente des Prozesses, erfordert (ii) eine Form der Darstellung, die allen Beteiligten zugänglich ist, und erfordert (iii) dass die Darstellung nach Bedarf immer wieder abgeändert werden darf. Ferner (iv) bedarf es Bewertungskriterien, die vor Beginn des Prozesses explizit formuliert werden müssen. Eine spätere Modifikation muss aber möglich sein.

Der symbolische Kern einer solchen Beschreibung sind also Texte, die Abfolgen von Zuständen beschreiben sowie explizite Ziele formulieren, die implizit Bewertungen darstellen.

Der dynamische Kontext dieser Texte wird durch eine Gruppe von Experten gebildet, die diese Texte in gemeinsamer Kommunikation erstellen, dadurch testen, dass sie den Prozess simulieren und spielen, der im Text beschrieben wird, und solange abändern, bis für sie die Texte den intendierten Prozess hinreichend gut repräsentieren. Die Bewertung ist aufgrund der eingangs formulierten Ziele implizit gewährleistet.

Da diese Beschreibungen in allen Phasen Texte einer — oder mehrerer — Normalsprachen sind, können diese — analog den Texten von Wikipedia — als Prozessbeschreibungen öffentlich zugänglich gespeichert werden.

Jeder, der diese Texte liest, kann sie direkt ausprobieren — alleine oder mit anderen — und kann sie nach Bedarf auch sofort ändern. Dadurch entsteht automatisch eine neue Version. Es gibt keine ‚Black Box‘ mehr, es gibt keine Ausgrenzung mehr nur allein, weil man eine bestimmte Programmiersprache nicht kennt; Normalsprache können alle!

Sofern in diesen Texten Prozesse mit Bezug zur realen Welt beschrieben werden, besteht im Prinzip die Möglichkeit, diese Prozess-Beschreibung miteinander zu vernetzen: verschiedene Beschreibungen zu Prozessen in einem Stadtteil, einer Stadt, einer Region können bloß durch einen ‚Knopfdruck‘ miteinander vereint werden, so dass man sie als neue Einheit simulieren und spielen kann. Man kann dann unmittelbar sehen, ob diese Beschreibungen miteinander ‚harmonieren‘ oder ob sie noch inkompatibel sind. Auch kann man so leichter sowohl ‚Lücken‚ entdecken wie auch interessante ‚Synergieeffekte‚ bzw. potentielle ‚Konflikte‚.

Aufgrund solcher ‚Vereinigungen‘ von Beschreibungen sowie durch Simulationen und Spiele können alle Teilnehmer — oder auch eventuelle ‚Zuschauer‘ — schneller und differenzierter ‚Lernen‚, wo die aktuellen Beschreibungen noch Optimierungspotential besitzen. Die Beschreibungen dann abzuändern ist einfach.

DAS OKSIMO PARADIGMA

Alles, was in diesem Text als Vision einer optimalen kontextsensitiven selbstbestimmten Beschreibung aufgezählt worden ist, ist entweder schon im Rahmen des oksimo Paradigmas realisiert oder wird noch bis Frühjahr 2022 realisiert werden.