Integrationspotenziale einer modernen Gesellschaft – 1 [ENTWURF]

UNIVERSELLE PROZESSPLANUNG
28.Juli 2021 – 02.August 2021
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Autor: Philipp Westermeier (philipp@oksimo.org)

Integration als zentrales Problem moderner Gesellschaften

Der erste Teil einer Reihe Textbesprechungen aus dem Buch „Integrationspotenziale einer modernen Gesellschaft“, herausgegeben von Wilhelm Heitmeyer und Peter Imbusch. Die zu beantwortenden Fragen sind:

  • Ist die Methode der Visualisierung von soziologischen Texten sinnvoll?
  • Was bedeutet dieser Text im Kontext des Oksimo-Paradigmas?

Der Aufbau der Buchbesprechung setzt sich aus „Annäherungen“ zusammen. Eine Annäherung besteht aus (1) einem oder mehreren Textzitaten, (2) der systematischen Visualisierung derer sowie (3) einem kurzen Kommentar des Blog-Autoren (mit oder ohne Textbezug). Eine Erklärung der eigens für die Besprechung des Texts entwickelte Methode findet sich im Blogbeitrag zu Textvisualierung.

Integration und Desintegration in modernen Gesellschaften

Einleitung: Zur Problematik von Integration und Desintegration

Annäherung 1 (S. 13)

Gesellschaftliche Integration sei „auch in Phasen eines relativ stabilen [historischen] Zustandes nicht einfach gegeben“, sie muss vielmehr „fortlaufend ‚hergestellt‘ werden“ (S. 13). „Gesellschaft beruht insofern immer auf einer voraussetzungsreichen Reproduktionsleistung“ (ebd.).

Visualisierung Annäherung 1

In einer ersten Beschreibung des Kontexts, gibt es darin ein Soziales System, das wir Gesellschaft nennen. Dieses wird phasenweise durch Prozesse, die wir Geschichte nennen, stabilisiert oder destabilisiert. Integration ist ein Bestandteil und Funktions-Modus dieses Systems, einerseits muss sie irgendwie mit hohem Aufwand produziert werden, andererseits reproduziert sie dieses System, ist also von hoher funktionaler Bedeutung dafür.

Annäherung 2 (S. 13)

„Komplexe Gesellschaften mit einer hohen Binnendifferenzierung in einzelne
Funktionssysteme sowie strukturell voneinander abgehobenen Klassen, Schichten und Milieus haben fortlaufende Integrationsfunktionen zu erfüllen, um sich als eine Einheit definieren und als solche auch gegenüber anderen Gesellschaften darstellen zu können“ (S. 13).

Visualisierung Annäherung 2

Zum Kontext von einer Gesellschaft kommt nun neben der Geschichte noch andere, (komplexe) Gesellschaften, beziehungsweise soziale Systeme ansich hinzu. Die im detail skizzierte „komplexe Gesellschaft“ wird hierbei näher betrachtet. Exemplarisch wurden hier 3 Schichten (1, 2 und n), drei Klassen (1, 2 und n) und 9 bzw. 27 Milieus dargestellt. Innerhalb von Schichten, bilden die jeweiligen Milieus dieselbe Klasse, unterscheiden sich aber in der Art des Teilsystems. Nun sind diese Schichten also verbunden, und diese Verbindung lässt sie dann als eine Gesellschaft neben anderen Gesellschaften erscheinen. Nun ist die Koppelung der Schichten zueinander als ein Prozess mehrfacher, gleichzeitiger „granularer Ereignisfolgen“ (Faßler) vorstellbar. So findet Integration (1) innerhalb einer Gesellschaft, ihrer Schichten, Klassen und Milieus statt sowie (2) zwischen (2.1) den „strukturell voneinander abgehobenen“ Elementen einer Gesellschaft sowie (2.2) zwischen Gesellschaften iauf Makroebene statt.

Annäherung 3 (S. 13)

„Im Verlauf der letzten Jahrhunderte haben wir uns
daran gewöhnt, diese Einheit im Wesentlichen als kongruent mit Nationalstaaten zu sehen …“ (S. 13).

Visualisierung Annäherung 3

Interessant hierbei ist ja auch ein kleines Gedankenspiel: Vielleicht entstanden die politischen Lager (Konservativ/Progressiv) aufgrund der synonymen Verwendungsweise, also unsauberen Trennung beider Begriffe. Diejenigen, die den Staat als die Gesellschaft „einhegend“ verstanden haben, waren vermutlich auch eher politisch autoritärer angesiedelt und empfanden sich dem Dienen und Herrschen (Law&Order) eines übergeordneten Staates verpflichtet. Diejeingen, die den Staat als „einhegend“ empfanden, waren wohl eher im liberalen Lager zu finden, die im übergeordneten Staat eher eine Bedrohung empfanden und ihn deshalb als Teilbereich der Gesellschaft konzepierten.
In meinem Semester Rechtsphilosophie lernte ich, dass der demokratische Staat davon abhängt, dass sich die Menschen ihm freiwillig „unterwerfen“, da er als ein Werkzeug zur Aufrechterhaltung der bürgerlich-demokratischen Gesellschaft verstanden wird.

Annäherung 4 (S. 13 & 14)

„… obgleich die Existenz von lokalen Gesellschaften, länderübergreifenden Kulturräumen und eines „kapitalistischen Weltsystems“ (Immanuel Wallerstein) evident ist. In den letzten Jahrzehnten ist mit dem immer engeren Zusammenschluss von Staaten in vielen Regionen der Welt und auf globaler Ebene die Gleichsetzung von Gesellschaften mit Nationalstaaten immer fragwürdiger geworden“ (S. 13).

Visualisierung Annäherung 4

Das ist es nicht! So (ver)führt diese veraltete Konzeption zu einem komplexeren veralteten und im Ansatz falschen Modell. Institutionen wie die spanische Gesellschaft oder die Europäische Union seien nicht „ineinander gesteckte[…], abgeschlossene Entitäten“, sondern „interaktiv miteinander verbundene und sich somit wechselseitig beeinflussende Gebilde, die zudem einem ständigen Wandel unterworfen sind und diesen Wandel- zumindest zu Teilen – reflektierend begleiten und intentional steuem können“(vgl. S. 14).
„Tenbruck meint, dass es Gesellschaften mit klaren Grenzziehungen gar nicht gibt, sondem vielmehr ein Geflecht von „Staaten, Nationen, Kulturen, Stammen, Völkern, Religionen, Verbänden, Parteien, Ideologien, Wirtschaften, Publika und dergleichen mehr. Somit müsse man von vielen eigenen Vergesellschaftungen sprechen, „ohne darum das trügerische Band der ‚Gesellschaft‘ zu schlingen“(Anm.1, S. 14 + 15 aus: Tenbruck, Friedrich H. (198): Emile Durkheim oder die Geburt der Gesellschaft aus dem Geist der Soziologoie. In: Zeitschrift fur Soziologie. Jg. 10. S. 333-350.).

Annäherung 5 (S. 13f)

„Faktisch überlagern und verschränken sich Gesellschaften auf unterschiedlichen räumlichen Ebenen und in den unterschiedlichen Systembezügen von Wirtschaft, Politik und Kultur. Entsprechend stellt sich auch das Integrationsproblem auf all diesen Ebenen und in all diesen Dimensionen“ (S. 13f).

Visualisierung Annäherung 5

So wie ich das verstehe, lässt sich eine grobe Klassifikation nach Größe der Struktur vornehmen. Das „kapitalistische Weltsystem“ inkorperiert die drei Räume (Wirtschaft, Politik, Kultur), „Länderübergreifende Kulturräume“ greifen gemeinsam auf je andere Teilaspekte dessen zu, „Lokale Gesellschaften“ sind darüber gekoppelt und „Nationalstaaten“ sind in der Verantwortung, diese Räume – aus ihrer Perspektive die „Ressourcen“ – zu erzeugen, verwalten und den anderen Strukturen bereitzustellen. Als gemeinsame ((Code-)(Handlungs-)(Sprach-))Räume werden Wirtschaft, Politik, Kultur definiert. Ob das sinnvoll ist und/oder notwendig, wird sich noch zeigen. Weiterhin folgen aus dieser Konzeption unterschiedliche Ebenen unterschiedlicher funktional-institutioneller Stukturen und Praktiken, die, vorerst nur „irgendwie“ miteinander gekoppelt zu sein scheinen.

Annäherung 6 (S. 14-15)

Gesellschaft ist ein „primär funktional gestifteter Zusammenhang, [geht] über die affektiven Bande“ von „face-to-face Beziehungen“ einer Gemeinschaft hinaus. „In Gesellschaften sind Individuen durch die Teilnahme […] unweigerlich eingebunden [,] auch wenn sie auf konkreter Ebene Wahlmöglichkeiten haben mögen“ (S. 14).1
Die Zugehörigkeit zu Gemeinschaften, die ja weit über kleine Gruppen hinausreichen können, verlangt dagegen die Übemahme bestimmter symbolischer Praktiken. Gemeinschaft basiert auf kollektiver Identität und somit sozialer Integration. Entscheidend fur die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft ist nicht funktionale, sondern affektive Einbindung“(ebd.).

Gesellschaften werden durch sozial konstruierte Makro Identitäten (Ethnien, Yolk, Kulturgemeinschaft) überlagert und verstärkt. Erst das Zusammenspiel von Systemintegration und Sozialintegration sichert den Bestand von Gesellschaften (S. 15).2

„Brechen die Mechanismen sozialer Integration zusammen, so folgt über kurz oder lang auch ein Zusammenbruch der Systemintegration. Funktionsfähige Wirtschaftssysteme brauchen ein Mindestmaß an Vertrauen, politische Systeme ein Mindestmaß an Legitimität. Aber auch das Umgekehrte gilt: Versagen die Mechanismen der Systemintegration, so ist auch die Sozialintegration massiv gefährdet. Eine Gesellschaft, deren politisches System entscheidungsunfähig ist oder deren Wirtschaftssystem elementare Leistungen der Produktion und Distribution nicht zu erbringen vermag, wird auch ihren sozialen Zusammenhalt verlieren und somit Tribalismus, innere Feindseligkeit und soziale Anomie begünstigen“ (ebd).

Visualisierung Annäherung 6

Langsam werden jene Bretter gebohrt, die sogar erste, grundlegende, dynamische Mechanismen sozialer Systeme beleuchten. Die Verwendung der Pfeile zur Verbindung von bedeutet auf eine granulare Gleichzeitigkeit der (bio-)sozialen Integration hin, welcher zu einer kollektiven Identität führt. Sobald diese vorhanden ist, geht es – solange Vertrauen und Legitimität vorhanden sind – um Fragen der Verteilung von Gütern und Wahrung/Durchsetzung der eigenen Interessen. Wichtig ist zu erwähnen, dass die Orientierung des Individuums gegenüber dem funktionalen Zusammenhang hier schon eine zentrale Rolle spielen müsste.
Eine Gesellschaft, deren Systemintegrationsprozesse nicht oder nur schlecht funktionieren, „wird auch ihren sozialen Zusammenhalt verlieren und somit Tribalismus, innere Feindseligkeit und soziale Anomie begünstigen“ (S. 15). Hierbei aus meiner Sicht auch wichtig zu betonen, dass dies unter anderen diejenigen Gründe sind, die vermutlich ursprünglich zu utopischer Philosophie und ersten vor-modernen Gesellschaftsbildungen führten. Die Phantasmen der Angst vor diesem Rückschritt oder auch die Idealisierung dessen hat die Moderne begonnen und bis zur kriegerischen Selbstbeendigung (1. Weltkrieg) begleitet, da dieser Zwiespalt nicht auflösbar schien. Aus heutiger Sicht lässt sich beides miteinander vereinen, da die technologische Ausdifferenzierung mehr möglich macht, als je zuvor.
Diese vielleicht grundlegende Form sozialer Bio-System Verschränkung ist möglicherweise der von C. G. Jung proklamierte Archetyp-Kollektivbewusstsein-Komplex3.

Weiterführende Literatur:
1Tönnies, Ferdinand (2012): Studien zu Gemeinschaft und Gesellschaft, in: Lichtblau, Klaus (Hrsg.): Klassiker der Sozialwissenschaften, Frankfurt am Main.
2Habermas, Jürgen (1973): Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus. Frankfurt am Main.
3https://de.wikipedia.org/wiki/Kollektives_Unbewusstes

Annäherung 7 (S. 15f)

„Integration ist ein graduelles Konzept; sie ist immer mehr oder weniger realisiert“, ändert „Art und Maß“ über die Zeit(geschichte). Desintegrationsprozesse können sich „schleichend vollziehen“, selbst in „lange[n] Phasen der Stabilität“ ausgelöst werden und sind in ihrem Ausmaß erst retrospektiv erkennbar, oft ohne Möglichkeit zur „Trendumkehr“ (S. 15).
Dabei ist keine „“Medizin zur Herstellung von Integration“ verfügbar, „Gesellschaften nehmen vielmehr auf sich selbst Einfluss“ (vgl. ebd.). Dass sie das können ist eine „Resultante widerstreitender Interessen und Kräfte, [besteht] aus geschichtlichen Erfahrungen und Entwürfen für die Zukunft, aus Problemdeutungen und Identitätskonstruktionen“ (S. 16).

Annäherung 7; *Der Point of no-return wurde hier beispielhaft gesetzt und variiert situationsabhängig.

Der Verlust der „Möglichkeit zur Trendumkehr“, wird hier Point of no return genannt. Die Pfeile, welche auf den Integrationspfeil in der Mitte zeigen, deuten an, dass es sich bei den (De-)Stabilisierungsphasen und der Eigenschaft der Selbstermächtigung einer Gesellschaft um mögliche Faktoren handelt, welche Integration zwar beeinflussen können, aber nicht zwangsläufig an diese gekoppelt sind.

Annäherung 8 (S. 16F)

Normalerweise geht es beim Thema Integration „nicht um Leben oder Tod, sondern die Bedingungen einer „guten“ Gesellschaft. Der Maßstab des Guten sind in modernen Gesellschaften […] kollektiv ausgehandelte Prinzipien und Verfahren, die teils in Verfassungen niedergelegt sind, sich teils aber auch in rechtlich nicht konkretisierten Anerkennungsverhältnissen von sozialen Institutionen und Gruppen spiegeln. Die Grundfigur der modernen Ordnung, der Integrationsmechanismus par excellence, ist der explizite oder implizite Vertrag. Bestand dieser Vertrag im Denken eines Thomas Hobbes[1] aus einem Gründungsakt, aus dem alles Weitere zwingend folgte, so ist das Vertragsprinzip im Zeitalter einer „flüssigen Moderne“[2] universalisiert und temporalisiert worden. Es ist universalisiert, insofern es von der Zweierbeziehung über die Rechte ethnischer Minderheiten bis hin zur Global Governance reicht; es ist temporalisiert, insofern soziale Ordnung durch fortlaufende Revisionen (z.B. Reformgesetze), aber auch sich im Öffentlichen Diskurs herausschälende Veränderungen kultureller Normen Gestalt gewinnt“(vgl. S. 16)

Aufgrund ihrer systemischen Differenzierung, normativen Offenheit und lebensweltlichen Pluralisierung weisen moderne Gesellschaften einen extrem hohen Integrationsbedarf auf. Um diesem zu entsprechen, haben sie vielfältige Integrationsmechanismen ausgebildet. Dazu zählen einerseits rechtlich-institutionelle Vorkehrungen wie die Garantie bestimmter Grundrechte, die demokratisch legitimierte und zeitlich begrenzte Einsetzung von politischen Entscheidungstragern, ein ausdifferenziertes System zur Austragung und Beilegung von Konflikten, staatliches Gewaltmonopol, Minderheitenschutz, aber auch die Praxis öffentlicher Diskurse über strittige gesellschaftliche und politische Fragen. Diese Vorkehrungen ermöglichen es, konkurrierende Interessen und Normkonflikte auf nicht destruktive Weise auszutragen, zumindest deren Koexistenz zu gewährleisten. Auf der anderen Seite finden sich, wie schon in vormodernen Zeiten, symbolische Bekraftigungen gesellschaftlicher Einheit durch Fahnen, Hymnen, nationale Feiertage, Gründungsmythen, kulturelle Stereotypisierungen und dergleichen“ (S. 16f).

Visualisierung Annäherung 8

Eine These rückt damit in das Sichtfeld: Die Moral-, Wert- und Normvorstellungen einer Gesellschaft und deren Individuun sind untrennbar an Art-/ Systemerhalt gekoppelt.
Dem Schaubild fehlt außerdem die an späterer Stelle visualisierte Warnung:
„Doch auch die Gesamtheit dieser Integrationsmechanismen vermag nicht vollständige und dauerhafte Integration zu verbringen. Selbst in Regionen, die nicht wie Nordirland oder das Baskenland chronisch von internen Konflikten erschlittert werden, bleibt gesellschaftliche Integration prekär, kommt es themenbezogen und phasenweise immer wieder zu manifesten Desintegrationserscheinungen, sichtbar etwa an Politikverdrossenheit, Straßenkrawallen, Ausgrenzungen von Minderheiten, Xenophobie oder einem diffusen „Unbehagen in der Modernität“ (S. 17).

Weiterführende Literatur:
1https://de.wikipedia.org/wiki/Thomas_Hobbes
2https://de.wikipedia.org/wiki/Zygmunt_Bauman

Annäherung 9

„Die Sozial- und Kulturwissenschaften reflektieren diese Problematik in sehr
unterschiedlicher Weise. Auf der einen Seite steht seit Jahrzehnten die Versicherung, zumindest um den Typus westlich-demokratischer Gesellschaften stünde es bestens. Problematisch seien nicht die Verhältnisse, sondern das aufgeregte Krisengerede vornehmlich linker Intellektueller und Ideologen. Diesem „Gerede“ widersprachen handfeste empirische Indikatoren zur Akzeptanz bestimmter Werte, zum Wahlverhalten und zu objektiven wie subjektiven Lebenslagen1,2. Auf der anderen Seite, und diese Tendenz gewinnt im Zeitverlauf an Gewicht, mehren sich die Stimmen in der politischen Öffentlichkeit wie in wissenschaftlichen Kreisen, die – teilweise auch unter Berufung auf empirische Daten – auf Desintegrationserscheinungen hinweisen3,4,5,6:

  • Die Modernisierungsprozesse führten nämlich – so eine verbreitete Diagnose – mit der Auflösung traditioneller Klassen- und Schichtenstrukturen und
    entsprechender Vergemeinschaftungsformen zu einer massiven Individualisierung, einer Schwächung des „sozialen Kapitals“ und damit auch einer Vernachlässigung von Belangen des Gemeinwohls.
  • Die Modernisierungsprozesse beförderten eine fortschreitende Rationalisierung und gesellschaftliche Differenzierung, die althergebrachte Strukturen – z.B. die Durchdringung des Alltags mit Religion – auflöst und statt verbindlich vorgegebenen sozialen Normen, Orten und Rollen vielmehr Pluralismus, Heterogenität, Segmentierung, Wahlzwänge und Wahlchancen befördert. Damit zeichne sich eine Orientierungs- und Sinnkrise ab.
  • Schließlich mündeten die Modernisierungsprozesse in eine Globalisierung
    alles Gesellschaftlichen, die kulturelle Besonderheiten weitgehend abschleift,
    die Bedeutung des Nationalstaats als zentralem Ort politischer Entscheidung
    und identitätsstiftendem Bezugspunkt relativiert, während zugleich die Konkur (S. 17)

renz- und Verwertungslogiken des Kapitalismus betont und utilitaristische Verhaltensweisen, und mit ihnen individualistische und klientelistische Interessen, gestärkt würden.
Damit sei die funktionale und vor allem soziale Integration im Sinne einer
gelungenen Vergesellschaftung der Individuen in mehrfacher Hinsicht bedroht,
so dass sich Soziale Gemeinschaftsgefühle, vor allem bezogen auf den Fluchtpunkt des Nationalstaates, nicht mehr einstellten:

  • Die ökonomische Integration sei gefährdet, weil auf den nationalen Arbeitsmärkten unter dem Druck von Rationalisierung, Konkurrenz und Standortverlagerungen ein Teil der Bevölkerung gar nicht mehr in Lohn und Brot komme, prekäre Formen der Arbeit sich immer stärker durchsetzten, Normalarbeitsverhältnisse gegenüber flexiblen Formen stark abnahmen und damit zugleich historisch verbürgte Formen der Solidarität brüchig würden.-
  • Die politische Integration sei gefährdet, weil einerseits nationale Handlungschancen und Identifikationsmuster durch einen Machtverlust der Staaten schwanden und andererseits, bedingt durch Migrationsbewegungen und die Erfahrung von Multikulturalismus, die Einheit des „Staatsvolks“ untergraben und zudem politische Partizipation auf bestimmte Bevölkerungssegmente eingegrenzt werde.
  • Schließlich sei die kulturelle Integration gefährdet, weil es im Zuge der
    vielgestaltigen Modernisierungsprozesse auch zu einem Werterelativismus oder gar Werteverfall komme, die sich nachteilig auf den moralischen Zusammenhalt eines Gemeinwesens auswirkten“7 (S. 18).

Weiterführende Literatur:
1Zapf, Wolfgang (1983): Entwicklungsdilemmas und Innovationspotentiale in modernen Gesellschaften. In: Matthes, Joachim (Hrsg.), Krise der Arbeitsgesellschaft? Verhandlungen des 21. Deutschen Soziologentages in Bamberg 1982. Frankfurtf/M. S. 293-308.
2Kaase, Max (1986): Zur Legitimität des politischen Systems in den westlichen Demokratien. In: Randelzhofer, Albrecht/Süß, Werner (Hrsg.), Konsens und Konflikt. 35 Jahre Grundgesetz. Berlin/New York. S. 463-494.
3Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.) (1997): Was halt die Gesellschaft zusammen? FrankfurtfM.
4Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.) (1997): Was treibt die Gesellschaft auseinander? FrankfurtfM.
5Honneth, Axel (1994): Desintegration. Bruchstiicke einer soziologischen Zeitdiagnose. Frankfurt/M.
6Bieling, Hans-JUrgen (2000): Dynamiken sozialer Spaltung und Ausgrenzung. Gesellschaftstheorien und Zeitdiagnosen. Münster.
7Heitmeyer, Wilhelm (2001a): Rahmenkonzept für den Forschungsverbund „Stärkung von Integrationspotenzialen einer modernen Gesellschaft“. Bielefeld. S. 14-46.

Visualisierung Annäherung 9

Dieser Abschnitt ist so komplex, dass die Visualisierung dessen an ihre Grenzen stößt. So ist es nicht gerade leicht zu behaupten, dass diese dabei hilft, einen besseren Übberblick über das Thema zu erhalten. Deshalb habe ich ein „Metaschaubild“ angefertigt:

Visualisierung Annäherung 9.1

Dieses Schaubild ist so zu lesen, dass eine spezifische Form von Auflösungs- und Differenzieierungsprozessen „Modernisierung“ genannt wird. Diese ist mit Globalisierung gekoppelt, einem Prozesses, der zur Relativierung staatlicher Verhältnisse führt. Beides zusammen führt zu einer Gefährung der Integrationsprozesse einer Gesellschaft. Die Einzelheiten sind aus obigem Text und Bild zu entnehmen.

Fazit

Die Text-Visualisierung eines soziologischen Buchs ist anspruchsvoll. Nichts desto-trotz führt die Visualisierung zu Einsichten, da die im Text besprochenen Inhalte rekontextualisiert werden können, ohne dabei etwas an der text-eigenen Aussage zu ändern. Was bisher nicht visualisiert wurde, waren zwei Passagen über die derzeitige Diskussion in den Gesellschaftswissenschaften. Außerdem wurde die Begriffsbesprechung zu „Integration“ nicht visualisiert, da dies an anderer Stelle geschehen wird. Im Blogeintrag wurde der Moment der Visualisierung auch für weitere Textabschnitte vertagt. Denn als Diskussionsgrundlage ist dieser Blogeintrag schon ausreichend komplex, vielschichtig und methodisch noch zu unsicher.

Literatur

  • Imbusch, Peter / Rucht, Dieter (2005): Integration und Desintegration in modernen Gesellscahften, in: Wilhelm Heitmeyer / Peter Imbusch (Hrsg.): Integrationspotenziale einer modernen Gesellschaft, Wiesbaden, S. 13-71.

Soziales Milieu

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03. August 2021 – 03. August 2021
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Autor:
Philipp Westermeier (philipp@oksimo.org)

Kontext

Dieser Blogeintrag bildet einige wichtige Hintergrundinformationen zu Das Oksimo Paradgima und Desintegrationsprozesse ab. Er dient dazu, eine soziologische Begriffsübersicht im Oksimo-Blog herzustellen.

Stefan Hradil

Ein soziales Milieu wird als „eine sozialstrukturelle Gruppe gleichgesinnter Menschen [beschrieben], die ähnliche Werthaltungen, Lebensführungen, Beziehungen zu Mitmenschen und Mentalitäten aufweisen. Die Mitglieder eines sozialen Milieus haben oft ein gemeinsames (materielles, kulturelles, soziales) Umfeld. Sie sehen, interpretieren und gestalten es in ähnlicher Weise. Kleinere Milieus (z. B. Organisations-, Stadtviertel- oder Berufsmilieus) haben durch ein gewisses Wir-Gefühl und verstärkte Binnenkontakte einen engeren Zusammenhalt als größere“(S. 319).
In Abgrenzung zum „vor allem auf äußerlich beobachtbare Verhaltensroutinen“ bezogenen Begriff des Lebensstils, bezeichnet der Milieubegriff „psychologisch ‚tief‘ verankerte und vergleichsweise beständige Werthaltungen und Grundeinstellungen von Menschen“.
Anders als die Annahme, „dass Selbstdefinition, Denken und Verhalten“ von „Klassen- und Schichtzugehörigkeit geprägt sind“, denkt der Milieu-Begriff das „alltägliche Handeln der Menschen immer weniger vom Ressourcenbesitz als von Ressourcenverwendung geprägt“.
Die in den 1980er Jahren von „Praktikern aus Schule, Marketing und Politik“ angestoßenen Perspektivwechsel konstatieren, dass die Milieuzugehörigkeit weder determiniert, noch frei wählbar sei und „bis zu einem gewissen Grade eine Frage des Alters, des Geburtszeitraums (Kohorte), der Lebensform (Haushaltszusammensetzung, Kinderzahl), der Lebensphase, des Geschlechts und der Bildung“ sei (vgl. ebd.).
Neben diesen eher strukturellen, äußeren Umgebungsfaktoren wirkten weiterhin „ökonomische und berufliche Faktoren“. Gegenüber dem Lebensstil sei die Milieuzugehörigkeit schwieriger zu wechseln, aber in Krisen oder dem knüpfen neuer Kontakte möglich. „Soziale Milieus sind als vieldimensionale, ganzheitliche Phänomene“ zu verstehen und „lassen sich überwiegend bestimmten sozialen Schichten zuordnen. Jede soziale Schicht besteht jedoch aus mehreren sozialen Mileus“ (S. 319).

Ein weiterer Aspekt bzgl. sozialer Milieus ist ihr „historisch gewachsen“ sein. „Sie sind in vielen kulturellen Produkten verankert“, gleichzeitig „als Teilkulturen von Gesellschaften in Sozialisationsprozessen“ verstanden. Allgemein „historisch stabil“, wandelt sich jedoch eine Milieustruktur in „Gesellschaften langsam, u. a. wegen der Veränderung von Lebensbedingungen und sozialer Lagen“. Aktuell scheint es, dass „Traditionelle Milieus schrumpfen“, denn .“sie weisen Werthaltungen auf, die ein Leben in Gemeinschaft und das Befolgen verpflichtender Normen obenan stellen“, was bei Heitmeyer / Imbusch als „Werteverfall“ beschrieben wird. ‚Moderne’/’post-Moderne‘, ein „individualisiertes und selbstbezügliches Leben“ betonende Milieus dagegen wachsen, welche sich langfristig zu pluralisieren scheinen (vgl. S. 322). „Milieutypologien gelten in diesem Zusammenhang als wichtige Ergänzungen zu Schicht- bzw. Klassenmodellen“ (ebd.).

Weiterführende Literatur

Beck, U. (1986). Risikogesellschaft, Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
P. Bourdieu, P. (1982). Die feinen Unterschiede, Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Hradil, S. (1987). Sozialstrukturanalyse in einer fortgeschrittenen Gesellschaft, Opladen: Leske+Budrich.
Hradil, S. (1992). Alte Begriffe und neue Strukturen. Die Milieu-, Subkultur- und Lebensstilforschung der 80er Jahre. In: S. Hradil (Hg.): Zwischen Bewußtsein und Sein. Die Vermittlung „objektiver“ Lebensbedingungen und „subjektiver“ Lebensweisen, Opladen: Leske+Budrich (S. 15-56).
Müller, H. P. (2013). Werte, Milieus und Lebensstile. Zum Kulturwandel unserer Gesellschaft. In: S. Hradil (Hg.): Deutsche Verhältnisse. Eine Sozialkunde, Frankfurt: Campus (S. 185-207).
Otte, G. (2004). Sozialstrukturanalysen mit Lebensstilen. Eine Studie zur theoretischen und methodischen Neuorientierung der Lebensstilforschung, Wiesbaden: VS Verlag.
Schulze, G. (1992). Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt a. M.: Campus.
[Sinus-Institut: https://www.sinus-institut.de/sinus-milieus/sinus-milieus-deutschland.]
Vester, M., Oerzten, P. v., Geilling, H., Herrmann, T. & Müller, D. (2001): Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel. Zwischen Integration und Ausgrenzung, Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Vögele, W., Bremer, H. & Vester, M. (Hg.) (2002): Soziale Milieus und Kirche, Würzburg: Ergon.

Literatur

Hradil, Stefan (2018): Milieu, soziales, in: Kopp, Johannes/ Steinbach, Anja (Hrsg.): Grundbegriffe der Soziologie, Wiesbaden, S. 319-322.

Soziale Schichten

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Philipp Westermeier (philipp@oksimo.org)

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Reinhard Pollak

Zwar fehle dem Begriff der Schicht eine „allgemein anerkannte Definition“, Reinhard Pollak jedoch beschreibt eine soziale Schicht als vertikal angeordnete „Gruppe[n] innerhalb einer Gesellschaft, deren Mitglieder jeweils bestimmte Schicht konstituierende Merkmale (oder eine Kombination davon) gemeinsam haben“. Der Begriff soziale Klasse sei „im weiteren Sinne konzeptionell“ mit dem Begriff der sozialen Klasse abgedeckt, wobei sich beide Begriffe an „sozio-ökonomischen Gegebenheiten“ orientieren, Schicht jedoch „insbesondere an Merkmalen des Berufs […] und der Bildung“ (vgl. S. 393).
Als „Gegenmodell zu einer Klasseneinteilung“ ist das Ziel des Schichtbegriffs, „ein möglichst akkurates deskriptives Bild einer (vertikal) organisierten) Gesellschaft [zu] ermöglichen“, wobei „potenzielle Erklärungen für die beschriebenen Ungleichheiten“ nicht vorkämen. Soziale Schichten „per se auch keine Interessengemeinschaft“ obwohl sie durch „gleiche Lebenslagen“ gekenzeichnet werden, aus welchen sich keine „Schichtkonflikte“ zwingend ergeben müssen. Schichtgrenzen seien durch die Feststellung „hoher Werte in einer Schichtdimension“ wie Einkommen oder Bildung ziehbar (vgl. ebd.).

Historische Bedeutung(en)

Der Schichtbegriff, als „Abgrenzung von den marxistischen Klassenansätzen bzw. Klassenanalysen“ (S. 343), ist seit Mitte des letzten Jahrhunderts ein wichtiger, soziologischer Grundbegriff. Dieser habe eine „geringe theoretische Fundierung“, welche durch die Komination eines „oft nur deskriptiven Charakters“ Ralf Dahrendorf, einen Schichttheoretiker, dazu bringt, ihm in der Soziologie eine „relativ untergeordnete Bedeutung gegenüber […] der sozialen Klasse“ einzuräumen. Theodor Geiger unterschied „insgesamt fünft ‚Hauptmassen‘, auch wenn das Leben sich in ‚tausend Zwischenformen‘ verspiel[e]“. Diese seien „die kapitalistische Schicht, der ‚alte Mittelstand‘, Tagewerker für eigene Rechnung, Lohn- und Gehaltsbezieher höherer Qualifikation sowie Lohn- und Gehaltsbezieher niedrigerer Qualifikation“. Es gibt in diesem Kontext weiterhin die „These der ’nivellierten Mittelstandsgesellschaft‘, welche „relativ einheitliche Lebensverähltnisse beschreibt und keine nennenswerten Klassen- und Schichtunterschiede mehr feststellen kann“, wobei diese „empirisch nicht haltbar“ war und bspw. durch die feinere „Bolt’sche Zwiebel“ abgelöst wurde. Ralf Dahrendorf beschreibt 1966 „die unterschiedlichen Mentalitäten“ als Ordnungsprinzip einer Bevölkerung, welche durch Geißler 2011 aktualisiert wurde.
Die Schichtungsmodelle seien Beschreibungen, deren „Kriterien für die jeweiligen Schichtzuordnungen“ von den Beschreibenden selbst kommen, wobei „heutzutage“ empirisch „subjektive Selbstzuordnungen“ verbreiteter seien (vgl. ebd).
Dies sei weiterhin interessanter, da es „ganz offensichtlich“ ein „weitverbreitetes Verständnis für gesellschaftliche Hierarchieordnungen“ in einer Bevölkerung gäbe, in welche sich „Menschen trotz unklarer Schichtränder einordnen können“ (S. 394f).
Das Problem der Selbstzuordnung in Schichtmodelle: Es ist unklar, inwieweit die Selbstzuordnung in eine Schicht bzgl. empirischer Größen wie Bildung oder Lebensstil von ebendieser abhängt und lässt die Gefahr von Zirkelschlüssen bestehen, was ihren Deskriptiven Charakter zwar bewahrt, ihren „analytischen Nutzen […] jedoch begrenzt“. (vgl. S. 395).

Weiterführende Literatur

Bolte, K. M., Kappe, D. & Neidhardt. F. (1967). Soziale Schichtung in der Bundesrepublik Deutschland. In: Bolte, K. M. (Hg.). Deutsche Gesellschaft im Wandel (S. 233-351). Opladen: Leske.
Dahrendorf, R. (1966). Gesellschaft und Demokratie in Deutschland. München: Piper.
Dahrendorf, R. (2009) (zuerst 1968). Gibt es noch Klassen? Die Begriffe der sozialen Schicht und sozialen Klasse in der Sozialanalyse der Gegenwart, in H. Solga, J. Powell, & P. A. Berger (Hg.), Soziale Ungleichheit. Klassische Texte zur Sozialstrukturanalyse (S. 207-219). Frankfurt a. M.: Campus.
Geiger, Theodor (1987) (zuerst 1932): Die soziale Schichtung des deutschen Volkes. Stuttgart: Enke.
Geißler, R. (2011). Die Sozialstruktur Deutschlands. Zur gesellschaftlichen Entwicklung mit einer Bilanz zur Vereinigung. 6. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag.
Schelsky, H. (1965) (zuerst 1953). Auf der Suche nach Wirklichkeit. Düsseldorf: Diederichs

Literatur

Pollak, Reinhard (2018): Schicht, soziale, in: Kopp, Johannes/ Steinbach, Anja (Hrsg.): Grundbegriffe der Soziologie, Wiesbaden, S. 393-395.

Klasse, soziale

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Autor: Philipp Westermeier (philipp@oksimo.org)

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Reinhard Pollak

Der Soziologe Reinhard Pollak beschreibt für den Begriffs-Sammelband „Grundlagen der Soziologie“ den Begriff der sozialen Klasse. Diesen definiert er als Beschreibung einer „Gruppierung von Menschen, die eine bestimmte Position im Wirtschaftssystem einnimmt“. Häufig damit als konstituierend in Verbindung gebracht werden „ähnliche sozio-ökonomische Verhältnisse und […] Interessen“. Weiterhin wohne „der Einteilung der Gesellschaft in verschiedene soziale Klassen implizit oder explizit eine Hierarchisierung von sozialen Klassenpositionen inne“. Pollak schickt der Beschreibung des Klassenbegriffs voraus, dass es „an einer allgemeingültigen Definition [fehle], da jeder Klassenansatz etwas andere Schwerpunkte setzt“ (vgl. S. 225).

Die Soziale Klasse bei Karl Marx und Friedrich Engels

Das Konzept der Klasse wurde durch die Arbeiten von Karl Marx und Friedrich Engels sowohl in Wissenschaft als auch Politik als zentraler Begriff etabliert. Aufgrund des „aufblühenden Kapitalismus und der zunehmenden Proletarisierung der ehemaligen Landbevölkerung in den neuen städtischen Industriezentren“ dachten Marx und Engels „den Besitz an Produktionsmutteln als zentrales klassenbildendes Prinzip“. Die Eigentümer dieser Produktionsmittel konnten durch den Besitz des „Recht[s] auf Privatbesitz, die große Nachfrage nach Arbeit und […] enorme[n] technologischen Fortschritt […] einen Mehrwert aus ihren Produkten“ generieren. Der schließlich gezahlte Kaufwert eines Produkts war höher als die Kosten der für die Produktion aufgewendeten Arbeitsmittel. Dadurch, dass diese Differenz bei den Eigentümern der Produktionsmittel (Bourgeoisie) blieb, täte sich ein „antagonistische[r] Konflikt“ gegenüber denjenigen auf, die zwar für die Arbeitskraft entlohnt, nicht jedoch am Gewinn beteiligt wurden (Proletariat). Diese Dynamik sei „unauflöslich und führe zunächst zur Proletarisierung der noch bestehenden Mittelklassen und schließlich zur immer stärkeren Polarisierung der zwei verbleibenden gesellschaftliche Klassen“ (vlg. S. 225).
Aus dieser Perspektive ergibt sich, dass der „Klassenkonflikt zwischen Kapital und Arbeit den Motor für die weitere gesellschaftliche Entwicklung[= Differenzierung]“ sei. Das Bewusstsein dieser rekursiven strukturellen Koppelung seien sich beide Klassen nicht „zwangläufig bewusst“ und führt nicht automatisch zu „bestimmten expliziten Interessenformation[en], ein Phänomen, dass, wenn es auftritt, von ihm als „Klasse für sich“[=vgl. Luhmann; legitime Indifferenz] benannt wurde“. Außerdem führe diese faktische, strukturelle Ungleichheit zwangsläufig zu einem Klassenbewusstsein,durch welches sich vorallem die Proletarier „ihrer Lage bewusst werden“ und so “ das herrschende System des Privatbesitzes an Produktionsmitteln überwinden“. Diese Theorieperspektive auf Klasse habe daher sowohl sozaile Ungleichheit als auch sozialen Wandeln im Blick, aber sei „aufgrund ihres ideologischen Gehalts und ihres Determinismus […] bereits bei zeitgenössischen Denkern höchst umstritten“ gewesen (vgl. 226).

Die soziale Klasse bei Max Weber

Marx kritisierend formulierte Max Weber eine Theorie, in welcher er deutlich machen wollte, „dass der Besitz von Produktionsmitteln keineswegs der einzige konstituierende Faktor für Klassen ist und dass es keineswegs eine Zwangsläufigkeit in der gesellschaftlichen Entwicklung augrund spezifischer Klassenlagen gibt“.
Eine Klasse ist dort erkennbar, „wo 1. einer Mehrzahl von Menschen eine
spezifische ursächliche Komponente ihrer Lebenschancen gemeinsam ist, soweit 2. diese Komponente lediglich durch ökonomische Güterbesitz- und Erwerbsinteressen und zwar 3. unter den Bedingungen des (Güter- und Arbeits-)Markts dargestellt wird (‚Klassenlage‘)“.
Zu unterscheiden seien diese Klassen in „Besitzklassen (Besitzunterschiede bestimmen die Klassenlage), Erwerbsklassen (Chancen der
Marktverwertung von Gütern oder Leistungen bestimmen die Klassenlage) und soziale Klassen“ (hohe Fluktiation – persönlich oder innerhalb einer Generationenfolge). Durch die Unterscheidungen zwischen „Besitz- und Erwerbsklasse“, „vier sozialen Klassen“ und einer „Vielzahl von Klassenlagen“ legt das Konzept keine „Vorgabe über eine Gesamtzahl an Klassenlagen“ fest (vgl. S. 226). Allen Klassentheorien seien aufbauend auf dem Marx-Weber-Kontrasten, jesoch in in ihrer „Nuancierung der sozialen Ungleichheit unterschiedlich“ (vgl. 227).

Empirische Sozialforschung zur Klasse

John Goldthorpe und Robert Erikson entwickelten mit dem EGP-Klassenschema, basierend auf Webers „Idee der Marktchancen das Beschäftigungsverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer als zentrales strukturierendes Element der Klassengenese“. Erik Olin Wrights auf Marx aufbauender, weniger verbreitete Ansatz sieht den „Klassen generierende[n] Mechanismus“ als Summe der Faktoren „(Nicht-Besitz) von Produktionsmitteln; die Organisationsmacht (Autonomie) und
die Qualifikation der Personen“ sowie weiterem. Als weiterer Ansatz wird die Perspektive Pierre Bourdieus genannt, welcher „Produktion und Konsumption in einem Klassenschema verbindet“.
Auf Emile Durkheim zurückgreifend konstruieren ein Team um David Grusky die „beruflichen Assoziationen“ eine Klassenposition, jedoch; “ dieser Mikro-Klassenansatz zeigt viele Merkmale sozialer Klassen (gemeinsame ökonomische Lage, Identität, kollektives Handeln, soziale Schließung), kann eine hierarchische Komponente aber nur immanent abbilden“. Alternative Ansätze zur Strukturierung bilden der Lebensstil- sowie Milieuansatz, welche, im Gegensatz zu Klassenbegriffen als theoretisch sowie empirisch gestützt angesehen werden.

Wichtige Autoren

Karl Marx
Friedich Engels
Max Weber
John Goldthorpe und Robert Erikson
David Grunsky
Rakulski & Walters
Urlich Beck
Pierre Bourdieu

Weiterführende Literatur
Beck, U. (1983). Jenseits von Stand und Klasse? Soziale Ungleichheiten, gesellschaftliche Individualisierungsprozesse und die Entstehung neuer sozialer Formationen und Identitäten. In: Kreckel, R. (Hg.), Soziale Ungleichheiten (Soziale Welt: Sonderband 2, S.35-74), Göttingen: Schwartz.
Bourdieu, P. (1983). Die feinen Unterschiede. Kritik der
gesellschaftlichen Urteilskraft. 2. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Marx, K. & Engels, F. (2005). Das kommunistische Manifest. Hamburg: Argument-Verlag.
Marx, K. & Marcuse, H. (1965). Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. Frankfurt am Main: Insel-Verlag.
Pakulski, J. & Waters, M. (1996). The death of class. London: Sage.
Solga, H., Powell, J. J. & Berger, P. A. (2009). Soziale Ungleichheit. Klassische Texte zur Sozialstrukturanalyse. Frankfurt a. M.: Campus-Verlag.
Weber, M. (1971). Wirtschaft und Gesellschaft. Tübingen: Mohr.
Wright, E. O. (2005). Approaches to class analysis. Cambridge: Cambridge UP

Literatur

Pollak, Reinhard (2018): Klasse, soziale, in: Kopp, Johannes/ Steinbach, Anja (Hrsg.): Grundbegriffe der Soziologie, Wiesbaden, S. 225-228.

Integration

UNIVERSELLE PROZESSPLANUNG
22.Juli 2021 – 03. August 2021
URL: oksimo.org
Email: info@oksimo.org

Autor:
Philipp Westermeier (philipp@oksimo.org)

Dieser Blogeintrag bildet einige wichtige Hintergrundinformationen zu Das Oksimo Paradgima und Desintegrationsprozesse ab. Er dient dazu, eine soziologische Begriffsübersicht im Oksimo-Blog herzustellen.

Jens Greve

Der Soziologe Jens Greve beschreibt für den Begriffs-Sammelband „Grundlagen der Soziologie“ den Begriff der Integration. Er verschafft den Leser:innen anfangs dadurch einen Überblick, dass er auf „drei zentrale Verwendungsweisen“ (Greve, S. 195) des Begriffs hinweist. Diese seien jeweils „auf Teilbereiche/Teilsysteme der Gesellschaft“, „Wertorientierungen“* oder „Menschen in einer Gesellschaft“ bezogen. Diese „Bedeutungsvarianten“ aber „schließen einander nicht notwendig aus[,] vielmehr werden häufig Zusammenhänge zwischen ihnen vermutet“ (vgl. ebd.). Im darauffolgenden Text beschreibt er:

Herbert Spencer sieht in Integration „einen allgemeinen Prozess der Evolution“ und meint ihn in „sich abgegrenzten Formen“ erkennen zu können, wobei eine „Steigerung der Heterogenität der Formen“ gleichzeitig zu „Kohärenz [der Verbindungen] zwischen dem Heterogenen“ führt.
Emile Durkheim baut sein Konzept der Integration auf der Arbeitsteiligkeit auf und schließt (normativ) unter der Folge einer „wechselseitige[n] Abhängigkeit“, welche er als negative Solidarität betitelt, auf die Notwendigkeit des Vorhandenseins positiver Solidarität (S. 196).
Talcott Parsons, begründer des Strukturfunktionalismus (=“Handlungssysteme“ müssen „Systemerfordernisse“; Integrationsfunktion, Adaption, Zielerreichung und Aufrechterhaltung, erfüllen) nutzt den „Integrationsbegriff“ als „Notwendigkeit, die verschiedenen Funktionen aufeinander abzustimmen – und dies auf dem Wege einer über gemeinsame Wertvorstellungen abgesicherten Normenstruktur“(ebd.).
Konflikttheoretisch wird dies von David Lovewood als „einseitig“ kritisiert und unterscheidet zwischen „soziale[r] Integration“ bei der „die geordneten und konfliktgeladenen Beziehungen der Handelnden eines sozialen Systems zur Debatte stehen“ (ebd.) und „Systemintegration“, in welcher das Selbe zwischen „den Teilen eines sozialen Systems“ stattfindet. So wurde auf die „Marx’sche Betonung der Rolle der Produktionsweise (Systemintegration) hin[ge]wiesen“ (ebd.).
Daran anknüpfend Unterschied Habermas zwischen „System“ und „Lebenswelt“, wobei „Lebensweltliche Zusammenhänge […] durch eine den Handelnden bewusste Form der Vergesellschaftung gekennzeichnet“ sind, sich „systemische Zusammenhänge hingegen […] eigenständig, d. h. ohne Bezugnahme auf die Handlungsorientierungen“ strukturieren. Der Fokus wird auf sich über das Geldmedium „selbsttätig arrangieren[den]“ Märkten sowie „bürokratisches Handeln“ gelegt, welchen er von Niklas Luhmann übernimmt (ebd.).
Nach Luhmann aber „reproduzieren sich […] alle sozialen Systeme, auch die Teilsysteme der Gesellschaft, autopoietisch“. Er lehnt weiterhin die „Annahme ab, dass gesellschaftliche Integration besondere integrierende Prozesse benötigt“, da, wenn Integration als die Vermeidung von „Operationen eines Teilsystems“, welche zu „unlösbaren Problemen“ führen, definiert (S. 196f).
Wilhelm Heitmeyers Forschungsprogramm führte zu dem Verständnis, „Desintegration [sei] ein [prozesshaftes] Zusammenspiel von drei wesentlichen Aspekten […] : „verschärfter sozialer Ungleichheit, Delegitimierung von gesellschaftlichen Normen und Vereinzelung (Auflösung integrierender Milieus)“ welches zu „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ sowie „einem gesteigerten Gewaltpotenzial“ führt. Von besonderer Bedeutung ist dieser Formulierung dann, „wenn es um den Prozess der Integration bislang marginalisierter Gruppen geht“. Wichtige Begriffe sind dabei die „Platzierung“, „Kulturation“ und „Interaktion“ [dies wird an anderer Stelle im Blog ausführlicher behandelt] (S. 197).
Ein weiterer, wichtiger Begriff ist jener der Inklusion, welcher von Talcott Parsons geprägt wurde, „um den Prozess der Einbeziehung immer größerer Bevölkerungsteile in die Gesellschaft zu bezeichnen“, welchem „Exklusion als Gegenbegriff gegenüber stehe“[dies wird an anderer Stelle im Blog ausführlicher behandelt] (ebd.).

Integration und Oksimo – Bezug und Folgerung

Mit Oksimo lässt sich ein vorab beschriebenes, gesellschaftliches Phänomen anhand der verschiedenen Integrationsdefinitionen testen. So können die einzelnen Begriffe in Oksimo modelliert werden, und die treffendste Erklärung des vorliegenden Phänomens für die Arbeit am Fall verwendet werden.

Wenn diese Perspektive sinnvoll erscheint, sollten die Aussagen der ausgewählten Autoren bzgl. Integration oksimogerecht formalisiert werden. Dazu sollten erstmal 2-3 der genannten Autoren im Blog verarbeitet werden.

Der Text bestätigt weiterhin, dass Oksimo mit dem Thema der sozialen Desintegration sich nahe dem theoretischen Zeitgeschehen der Soziologie befindet. Dies lässt den Schluss zu, dass die Autoren Heitmeyer / Imbusch als minimal-Autoren zum Thema ausreichen, sollte sich die Arbeit eher zu einer breiteren Themenwahl statt einer tieferen Analyse einzelner Themen entwickeln. Beides wäre ein Gewinn für das Projekt.

Weiterführende Literatur

Coser, L. A. (1972). Theorie sozialer Konflikte. Neuwied: Luchterhand. Dahrendorf, R. (1974). Pfade aus Utopia. München: Piper.
Durkheim, E. (1988). Über soziale Arbeitsteilung. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Esser, H. (2000). Soziologie. Spezielle Grundlagen. Band 2: Die Konstruktion der Gesellschaft. Frankfurt a. M./New York: Campus.
Habermas, J. (1987). Theorie des kommunikativen Handelns. Band 2: Zur Kritik der funktionalistischen Vernunft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Heitmeyer, W. & Imbusch, P. (Hg.) (2012). Desintegrationsdynamiken. Integrationsmechanismen auf dem Prüfstand. Wiesbaden: Springer VS.
Kronauer, M. (2002). Exklusion. Die Gefährdung des Sozialen im hoch entwickelten Kapitalismus. Frankfurt a. M.: Campus. Lockwood, D. (1971). Soziale Integration und Systemintegration, in: W. Zapf (Hg.), Theorien sozialen Wandels (S.124-137). Köln/Berlin: Kiepenheuer & Witsch.
Luhmann, N. (1982). Die Funktion der Religion. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Luhmann, N. (1988). Soziale Systeme. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Luhmann, N. (1995). Inklusion und Exklusion, in: N. Luhmann (Hg.), Soziologische Aufklärung 2 (S. 237-264). Opladen: Westdeutscher.
Parsons, T. (1975). Gesellschaften. Evolutionäre und komparative Perspektiven. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Spencer, H. (1867). First Principles. London: Williams and Norgate.
(vgl. S. 198)

Zu klärende Begriffe:
Inklusion, Exklusion (Parsons, Luhmann)
Platzierung, Kulturation, Interaktion (Heitmeyer / Imbusch)

Anmerkungen:
* Die Abgrenzung „Wertorientierungen“ wurde nicht explizit „mit einer Gesellschaft“ in Verbindung gebracht. Gibt es denn universelle Werte, oder sind diese ausschließlich das Produkt von sozialen Akteur:innen in kontextabhängigen Aushandlungs- und Konfliktprozessen?

Literatur

  • Greve, Jens (2018): Integration, in: Kopp, Johannes/ Steinbach, Anja (Hrsg.): Grundbegriffe der Soziologie, Wiesbaden, S. 195-198.

UNIVERSELLE PROZESSPLANUNG – Verneinung-Negation

UNIVERSELLE PROZESSPLANUNG
4.Juli 2021 – 4.Juli 2021
URL: oksimo.org
Email: info@oksimo.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch (gerd@oksimo.org)

KONTEXT

Dieser Text ist Teil des Themas die strukturellen Eigenschaften der oksimo Sprache im oksimo.org Blog.

VERNEINUNG/ NEGATION

In der Standard-Version der modernen formalen Logik ist es möglich, mit Hilfe eines definierten Folgerungsbegriffs ⊦ aus einer Menge von Ausdrücken S, die als wahr gelten, einen anderen Ausdruck A abzuleiten, der auch als wahr gilt; solch einen abgeleiteten wahren Ausdruck nennt man dann ein Theorem.

Da die Standard -Version des Folgerungsbegriffs u.a. einen Negations-Operator ‚¬‘ umfasst, kann man mit dem Standard-Folgerungsbegriff sowohl Ausdrücke ‚A‘ wie auch ‚¬A‘ benutzen und gegebenenfalls ableiten. Allerdings gibt es ein Meta-Axiom das besagt, dass eine Menge von wahren Aussagen konsistent und volltändig sein muss, damit der klassische Folgerungsbegriff funktioniert. ‚Vollständig‘ besagt, dass alle wahren Sätzen in den Annahmen und möglichen Folgerungen vorkommen können und ‚konsistent‘ besagt, dass nicht zugleich die Aussage ‚A‘ und die Verneinung der Aussage ‚A‘, also ‚¬A‘, vorkommen darf. Wäre dies der Fall, also aus einer Menge von wahren Aussagen S würde ‚A ∧ ¬A‘ gefolgert werden können, dann wäre die Menge S inkonsistent (widersprüchlich), damit wäre der klassische Folgerungsbegriff außer Kraft gesetzt. Wenn ‚S ⊦ A ∧ ¬A‘ möglich ist, dann kann aus S alles abgeleitet werden, dann ist die klassische Logik nicht mehr anwendbar.

Zu diesem Thema gibt es eine riesige Diskussion verbunden mit Vorschlägen für alternative Folgerungsbegriffe. Dies soll hier nicht weiter vertieft werden.

Im oksimo Paradigma liegen die Dinge anders. Im oksimo Paradigma gibt es auch einen Folgerungsbegriff, der durch den Simulator repräsentiert wird, dieser Simulator repräsentiert aber einen zusammengesetzten Folgerungsbegriff, dessen unterschiedlichen Folgerungs-Formate selektiv genutzt werden können, z.B.

(0) S,V ⊩ ∑ R V‘ //* Aus einer Menge von Ausdrücken S und einer Menge von Ausdrücken V kann mit Hilfe von Veränderungsregeln R eine veränderte Menge von Ausdrücken V‘ abgeleitet werden. *//

(1) S ⊩ ∑ R S‘ //* Aus einer Menge von Ausdrücken S kann mit Hilfe von Veränderungsregeln R eine veränderte Menge von Ausdrücken S‘ abgeleitet werden. *//

(2) S ⊩ ∑ V %Goal //* Aus einer Menge von Ausdrücken S kann mit Hilfe von einer Menge von Ausdrücken V der Grad des Enthaltenseins — in % — von V in S abgeleitet werden. *//

Während der klassische Folgerungsbegriff jedem einzelnen Ausdruck einen Wahrheitswert (wahr, falsch) zuordnet und damit ‚rechnet‘, betrachtet der oksimo Folgerungsbegriff immer nur Mengen von Ausdrücken ohne spezifischen Wahrheitswert, und diese Mengen von Ausdrücken können entweder in ihrer Zusammensetzung verändert werden (Ausdrücke hinzufügen oder wegnehmen) oder aber es können Mengenrelationen wie z.B. das ‚Enthaltensein‘ der Elemente einer Menge in einer anderen Menge erfasst werden. Auf diese Weise kann es im Rahmen des oksimo Folgerungsbegriffs keinen klassischen Widerspruch geben, da es keine individuelle Wahrheit oder Falschheit gibt.

Damit ist aber noch nicht alles gesagt.

Tatsächlich kann man im oksimo Paradigma sehr wohl mit Verneinungen arbeiten.

Wie kann dies gehen?

Dazu muss man verstehen, dass das oksimo Paradigma sich gegenüber der modernen formalen Logik in mindestens dreifacher Weise unterscheidet: (1) Man braucht keine spezielle formale Sprache; jede Alltagssprache (Normalsprache) L reicht aus; (2) Zum Folgern zwischen Ausdrucksmengen benötigt man keine Wahrheit; (3) Jeder Ausdruck kann für einen menschlichen Benutzer, der die gewählte Sprache L versteht, eine Bedeutung besitzen. Dies beinhaltet u.a. ‚Wahrheit/ Falschheit‘, ‚Verneinung‘ und vieles mehr.

Wenn wir also eine Ausdrucksmenge S = {Gerd ist hungrig} haben (nur einen Ausdruck!), dann kann man innerhalb des oksimo Paradigmas mit der Veränderungsregel R = <Gerd ist hungrig},1.0,Eplus={Gerd ist nicht hungrig}, Eminus={Gerd ist hungrig}> den Nachfolgezustand S‘ = {Gerd ist nicht hungrig} ableiten. Ob dieser Nachfolgezustand S‘ relativ zum Vorgängerzustand S ‚wahr‘ oder ‚falsch‘ ist oder irgendeine Bedeutung besitzt, entscheidet der Benutzer des Systems. Ein Beobachter von Gerd kann ja gesehen haben, dass Gerd inzwischen etwas gegessen hat und deshalb jetzt nicht mehr hungrig ist. Falls jemand neugierig ist und wissen will, wie es dazu kam, dass Gerd nicht mehr hungrig ist, kann man im oksimo Paradigma eine ganze Geschichte erzählen (Siehe das ausführlichere Beispiel hier).

MIT OKSIMO PROZESSE BESCHREIBEN – Paradigmenwechsel

UNIVERSELLE PROZESSPLANUNG
23.Juni 2021 – 23.Juni2021
URL: oksimo.org
Email: info@oksimo.org

Autor: Gerd Doeben-Henisch (gerd@oksimo.org)

KONTEXT

Dieser Text ist eine Ergänzung zum Roadmap-Überblickstextes des oksimo.org Blogs.

PARADIGMENWECHSEL

Mit Oksimo Prozesse beschreiben

Die meisten (fast alle :-)), die zum ersten Mal mit oksimo konfrontiert werden, denken als erstes an eine Programmiersprache. Damit ist man aber sofort in einer denkerischen Sackgasse.

Einen beliebigen Prozess — mit Anfang, Zielzustand, Zwischenstationen — mit oksimo zu beschreiben ist nichts anderes, als über einen solchen Prozess mit den Mitteln der normalen Sprache (Alltagssprache) nachzudenken.

Man beschreibt mit seiner Alltagssprache eine Ausgangslage, so, wie man sie einem anderen erzählen würde; entsprechend beschreibt man das Ziel, das man erreichen will. Schließlich — und das kann aufwendig werden –muss man die verschiedenen Zwischenschritte beschreiben, Teilziele, jene Situationen, die man durchlaufen muss, um dann am Ende zum Zielzustand zu kommen. Alles mit seiner Alltagssprache.

Dies könnte genau so schon die Beschreibung eines Prozesses mit oksimo sein.

Aber wozu dann noch oksimo, kann man fragen, wenn schon ein normaler Text ausreicht?

Der kleine, aber feine Unterschied zwischen einem normalen Text ohne oksimo und einem normalen Text mit oksimo ist das, was man auf den ersten Blick nicht sehen kann, nur beim informierten Hinschauen.

Im oksimo Paradigma wird unterschieden zwischen einem Text, der einen aktuellen Zustand (Situation, Szene) S beschreibt, und einem Zustand, der einen gewünschten, aber noch nicht realen Zustand (den Zielzustand, das Ziel, eine Vision) V beschreibt. Alle Zustandsbeschreibungen zwischen Start (Anfang) und Ziel sind Zwischenzustände S*: diese sind im Moment des Beschreibens nicht real gegeben, aber werden so verstanden, als ob sie real werden können und damit einen Schritt zum Ziel darstellen.

Alle beschriebenen Zustände zusammen (vom Anfang über Zwischenzustände bis zum Zielzustand) werden im oksimo Paradigma als Drehbuch (’story board‘) bezeichnet. Dabei ist es sehr wohl möglich, dass es in einem oksimo Drehbuch Verzweigungen der Geschichte geben kann, die mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten eintreten. Diese Verzweigungen können exklusiv sein (zur gleichen Zeit kann nur eine der Möglichkeiten aktiviert werden) oder nicht-exklusiv: im Prinzip könnten alle Möglichkeiten gleichzeitig auftreten, wenn es die Wahrscheinlichkeit so will.

Wenn man ein Drehbuch hingeschrieben hat (man kann ganz einfach anfangen), dann extrahiert oksimo aus der Beschreibung einer aktuellen Situation und der Beschreibung einer nachfolgenden Situation (es können mehrere Nachfolger sein, siehe ‚Verzweigungen‘ oben) alle Ausdrücke, die im Nachfolger entweder nicht mehr vorkommen oder im Nachfolger neu vorkommen. Aus diesen Daten generiert oksimo die Form einer Veränderungsregel R. Solche Veränderungsregeln werden für jedes Zustandspaar errechnet. Wenn man will, kann man Sie zusätzlich editieren.[1]

Liegen für alle Zustands-Paare eines Drehbuchs solche Veränderungsregeln R vor, dann kann der oksimo Simulator ausgehend von dem Anfangszustand S nur mit den Veränderungs-Regeln R alle anderen nachfolgenden Zustände berechnen und dadurch eine Abfolge (Simulation) aller Zustände erzeugen. Bei gleicher Ausgangslage S und bei gleichen Regeln R können sich Simulationen im Ablauf unterscheiden, falls im Ablauf Verzweigungen möglich sind, die mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten auftreten könne.

Mit Hilfe des Zielzustands kann zusätzlich in jeder Runde der Simulation errechnet werden, wie viel Prozent [%] des gewünschten Zielzustands in einer aktuellen Situation schon erreicht sind.

ANMERKUNGEN

[1] In der Basis-Version bis 23.Juli 2021 + x Tage ist die automatische Erstellung der Regeln noch nicht verfügbar. In diesem Fall muss man selbst aus dem Vergleich von zwei Texten manuell eine Veränderungsregel editieren.

OKSIMO EINFACHE BEISPIELE – Bsp.: Schlafmöglichkeiten, Verzweigung

OKSIMO – Universelle Prozessplanung

E-Mail: info@oksimo.org

Autorin: Athene Sorokowski, E-Mail: athene@oksimo.org

Veröffentlicht: 04.06.2021

KONTEXT

Dieses Fallbeispiel gehört zur Sektion Einfache Beispiele des Blogs oksimo.org.

Fallbeispiel Beschreibung:

Im Folgenden sind die Zustände, Regeln und die Vision eines Fallbeispiels der oksimo-Software dokumentiert, welches sich darauf fokussiert, sogenannte „Verzweigungen“ zu realisieren. Um die Vision im Beispiel zu erreichen, wurden verschiedene Veränderungsregeln erstellt, denen wiederum verschiedene Wahrscheinlichkeiten zugeordnet wurden. Die unterschiedlichen Zweige teilen sich auf in „Gruppenraum“ und „Nachhause“. Die Akteurin im Beispiel, Francesca, hat die Wahl, ob sie sich im Gruppenraum ihrer Universität oder bei sich Zuhause schlafen legen will. Erstere Möglichkeit beträgt dabei eine Wahrscheinlichkeit von 0,6, letztere eine Wahrscheinlichkeit von 0,4. Das Ziel ihrer Entscheidungen, bzw. das der Veränderungsregeln, ist, dass sie nicht müde ist.

Fallbeispiel „Verzweigungen“

Wie funktionieren Verzweigungen?

Verzweigungen sind im oksimo Paradigma ausdrückbar durch das zur Verfügung stellen von mehr als einer Veränderungsregel. Ist die Wahrscheinlichkeit im Einzelfall <=1, dann wird für jeden Wahrscheinlichkeitswert ‚ausgewürfelt‚, was geschieht. Einfach gesprochen: bei einer Wahrscheinlichkeit von π=0.6 würde bei 100 Durchläufen ungefähr +/- 60 mal diese Option gewählt werden, entsprechend bei π= 0.4 ungefähr +/- 40 mal.